Dorothea Newerkla: Die Lebensspanne einer Eintagsfliege

Wenn ich Eintagsfliegen bemerke, erkenne ich, wie einsam Unendlichkeit ist. Ich sehe jedoch auch, wie lebendig ihr alle seid, denn um zu leben müsst ihr sterblich sein. Ihr seid sterblich und irrt euch, schlagt den falschen Weg ein und ich sehe euch scheitern und fallen und bin dennoch fasziniert von den Zielen, die zu erreichen ihr gegen jede Vernunft erträumt habt. Ich bin unendlich und allmächtig, doch um träumen zu können wie ihr, dürfte ich nicht allwissend sein.

Manche eurer Träume sind wie Seifenblasen: Sie sind bunt schillernd, leichter als ein Lufthauch und kurzlebiger als eine Eintagsfliege, denn sie platzen allzu schnell. Oft bemerkt ihr gar nicht, dass eines dieser Luftschlösser vorbeizieht und noch weniger bemerkt ihr, dass ihr durch ein unbedachtes Wort eines dieser fragilen Gebilde bis auf das Fundament niedergerissen habt. Dann hat die Fliege gemerkt, dass ihre Flügel nicht vermögen sie zu tragen, sich immer höher zu schrauben und ihre Kreise in den Lüften zu drehen und stürzt auf den harten Boden der Tatsachen herab; mit gebrochenen Flügeln und gebrochenem Herzen.

Andere eurer Träume wiederum sind keine Luftschlösser, sondern Sandburgen. Sie stehen am Strand und ab und zu erblickt ihr eine Muschel, die noch nass glänzt und eben erst an den Strand gespült wurde, und ihr nehmt die schönsten dieser Wunder aus dem Meer und drückt sie behutsam an die sandige Außenwand des Gebäudes. Bald ist das Bauwerk mit einer Mauer aus Muscheln umgeben und ihr beginnt, euch der Illusion hinzugeben, dass das sandige Gemäuer ein Zuhause bieten könnte, werdet klein wie eine Fliege und schlüpft hinter die stabilen Wände.

Dann beginnt ihr, euch an das Heim zu gewöhnen und euch dem Gedanken hinzugeben, dass es tatsächlich Schutz und Geborgenheit bieten könne. Doch die Flut kommt und die Wassermassen strömen über die Burg hinweg, ehe sie sich langsam wieder zurückziehen und dadurch Welle für Welle den Sand und die Muscheln, die einst Sicherheit boten, ins Meer spülen. Es bleibt nicht die geringste Spur der Burg zurück.

Die Fliege versucht vergeblich weiterzufliegen, in der Hoffnung, das bisschen Regen würde verschwinden, indem sie es einfach übersieht. Das funktioniert gut und sie erhebt sich immer höher, bis die Tropfen stärker und häufiger werden und auf ihren feingliedrigen Flügeln landen, die nicht mehr die Stärke haben, sie zuverlässig durch den Wolkenbruch zu tragen. Denn jedes Mal, wenn die Fliege verzweifelt versucht, sich in der Höhe zu halten, landet noch mehr Wasser auf ihren zarten Flügeln und drückt sie herab, bis sie aufgibt und sich auf die Erde hinabfallen lässt, ohne genug Kraft aufzubringen, Angst vor dem Aufprall, der ihr Ende bedeuten wird, zu haben.

Es gibt noch stabilere Bauten als diejenigen, die aus dem Stoff sind, aus dem Träume gemacht werden. Das ist die Festung, die ihr selbst, Stein für Stein, erbaut, bis die Mauern hoch in den Himmel ragen. Ihr stellt sicher, dass niemand die hohen Hallen erreichen und zerstören kann, indem ihr sie auf eine hohe Klippe stellt. Dabei überseht ihr jedoch, dass der Felsen, auf dem die Festung emporragt, höher ist, als dass ihr ihn je erklimmen könntet. Da ihr es nicht schafft, den gigantischen Berg zu besteigen, seid ihr gezwungen, hilflos zuzusehen, wie die Festung langsam aber stetig verwahrlost und zerfällt. Oben auf dem Gipfel, der Willkür von Wind und Wetter ausgesetzt, lockert sich ein Stein nach dem anderen und bald verbleibt nur mehr ein Trümmerhaufen.

Die Fliege lebt nur einen Tag lang, doch durch das Emporschauen zum Himmel und zur Sonne, die sie doch nie erreichen wird, hat sie das Spinnennetz vor ihr übersehen und ihre Möglichkeit auf einen vergeblichen Versuch, bis zum Firmament emporzusteigen, verwirkt. Dann wird sie von klebrigen Fäden gehalten und rottet langsam vor sich hin, an ihrer restlichen Lebenszeit verzweifelnd, da jeder Augenblick lang ist für einen Gefangenen, der doch den Himmel sieht. Denn auch die Sonne kann nicht von der Sehnsucht nach Freiheit erlösen, die für den Gefesselten erst mit dem letzten Herzschlag verstirbt.

Und die Träume sind ausgeträumt und ihr seid gefallen. Abgerutscht beim Versuch, das Traumschloss zu erreichen und gefallen, tief gefallen, weggespült beim Versuch, Hirngespinste in Realität zu verwandeln und versunken im Ozean, immer tiefer gesunken und schließlich auf dem Grund angelangt, was trotz all des Wassers ein harter Aufprall nach einem Fall aus großer Höhe war. In den dunklen Tiefen dieser Wasser gibt es keine Schlösser mehr, nur Ruinen. Dort gibt es keine Träume mehr, keine Möglichkeit für Höhenflüge, sondern eine kleine Welt für alle Gefallenen. Ich bin allwissend und ich weiß auch, warum ihr gegenseitig eure Träume zerstört, aber ich verstehe es nicht und weiß, um euch nicht nur zu kennen, sondern euch zu verstehen, müsste ich auch träumen können.

Doch auch inmitten all der Trümmer am Boden des Weltmeeres beginnen Libellen, die jeglichen Schimmer und Glanz verloren haben, einen Tanz mit Glühwürmchen, die niemals leuchteten und eine Eintagsfliege mit gebrochenen Flügeln gesellt sich dazu. Wenn ich den Reigen beobachte, der auf seine ganz eigene Weise wundersam und doch befremdlich wirkt, erkenne ich all die Funken zwischen den zerbrochenen Tänzern sprühen und sich ausbreiten, und ich sehe, dass es bald Zeit für euch wird, wieder emporzusteigen.

Dann erhalten die Libellen den blau-grünen Schimmer, für den sie bekannt sind, zurück, und beinahe niemand außer mir erkennt, dass sie ein wenig matter scheinen als früher. Glühwürmchen beginnen erneut zu leuchten, doch strahlen und funkeln werden sie nie mehr. Eine Eintagsfliege erhebt sich in die Luft, ihre Flügel so filigran und vollkommen wie eh und je, doch den Riss in ihrem Herzen sehe nur ich.

Auch ihr steigt erneut auf, lachend und glücklich, denn nur die wenigsten von euch wollen wahrhaben, dass ein kleines Stück von euch zerbrochen in den Trümmern liegen geblieben ist und die wenigsten von euch haben wahrgenommen, dass ich euch geraten habe, Brücken an der Stelle von Festungen zu bauen.

Die Eintagsfliege hat ihre Flügel, doch ihr ist nie aufgefallen, dass die Sonne, die täglich über den Himmel gleitet, dafür keine Flügel benötigt, deshalb wird sie weiterträumen und erneut versuchen, zu den Strahlen des leuchtenden Gestirnes, die wie flüssiges Gold scheinen, emporzusteigen.

Ihr seid genauso wie die Fliege. Ihr schließt die Augen während des Fallens und betet lieber um Flügel, als die Augen aufzumachen und tatsächlich zu fliegen. Das ist, was euch zu dem macht, was ihr seid und was ich nicht bin.

Meine Aufgabe ist es, euch aufzufangen und das Fliegen zu lehren, doch die wenigsten haben wahrhaft Vertrauen in mich und anstatt euch von mir aus euren Schlössern geleiten zu lassen versucht ihr, euch hinter den Mauern zu verbarrikadieren. Meist kommt ihr erst zu mir, wenn ihr schon gestürzt seid.

Dann reiche ich euch die Hand und helfe euch auf, ziehe euch aus dem Ozean, doch ich bin es nicht, der dafür sorgt, das ihr wieder lächeln und Schlösser bauen könnt:
Es ist die Hoffnung.

Ich bin nicht so anmaßend zu sagen, ich sei die Hoffnung.
Dennoch ist die Hoffnung mein.
Mein ist die Hoffnung
auf ewig und immerdar.

7. Februar 2017


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