Dorothea Newerkla: Marmeladenglasmomente

Ich spüre das kühle Metall und umklammere den Schlüssel heftiger, obwohl sich seine Zähne bereits schmerzhaft tief in meine linke Handfläche bohren. Mit der rechten Hand greife ich nach der Klinke der schweren Tür und ziehe sie hinter mir zu. Ich triumphiere. Diesen Raum durchqueren noch, und ich bin dort.

 
Es gibt diese Momente, die möchte man am liebsten in einem Marmeladenglas verstauen und es danach fest zuschrauben, um dieses Glas wieder öffnen zu können, wenn man Aufmunterung benötigt. 
So könnte man den ersten Schnee für immer festhalten, um sich an den reinen, weißen Flocken zu erfreuen, wenn die Welt grau wird. Oder das Gefühl eines dieser späten, warmen Sommerabende, die nach Dunkelheit und süßem Obst und schwerem Wein riechen, bewahren, um Trost zu finden, wenn einen nach Mitternacht die Dämonen heimsuchen.

Nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe, sehe ich mich um. Ich stehe in einem kleinen Vorraum, kaum mehr als ein Durchgang zwischen zwei Türen. Auf der einen Seite des Korridors ist ein Doppelflügelfenster, das allerdings zum größten Teil von schweren, dunkelroten Samtvorhängen verdeckt wird. Das wenige Licht, das durch die Vorhänge dringt, trifft auf ein Schachspiel auf einem kleinen dunklen Holztisch, der am Fenster steht und dem zwei Stühle aus demselben Holz mit reich verzierten Rückenlehnen Gesellschaft leisten. Auf der anderen Seite ist der Korridor mit düsteren Holzvertäfelungen eingekleidet. Ich kann im Halbdunkel nicht erkennen, was darauf abgebildet ist, doch als ich näher trete und mit der freien Hand darüber fahre, erspüre ich feine Linien, Muster und Bilder. Bald wende ich mich ab und trete näher zu dem Tischchen mit dem Schachspiel ans Fenster. Dabei dämpft der dichte, weiche Teppich meine Schritte so gut, dass mein Atem das einzige Geräusch ist, das von meiner Anwesenheit kündet.

Man wünscht, man könnte all diese Marmeladenglasmomente archivieren, um sie für immer zu bewahren, auch wenn sie das Herz verlassen haben. Damit wir noch etwas Gutes in dieser Welt haben. Dann könnte man eines Tages eines dieser Gläser nach Belieben wieder herausholen, um sich diesen Sonnenuntergang wieder anzusehen.

Als ich eine Inschrift auf beiden Seiten des Schachbretts sehe, setze ich mich vorsichtig auf einen der Sessel um die Gravur zu entziffern, die vor dem Heer der schwarzen Figuren steht. „Wenn Du hier bist, spielst Du Gott“, steht da. Ich beuge mich über das Brett um auch die Schrift auf der anderen Seite zu lesen, erwarte dass man dort der Teufel oder sonst etwas sei, nur um wiederum dasselbe zu lesen: „Wenn Du hier bist, spielst Du Gott“. Was soll ich darunter verstehen? Als ob irgendjemand wüsste, warum ich hier bin. Ich will nicht Gott spielen, ich will doch nur über mich selbst bestimmen.

Allerdings kann ich doch wohl probieren, eine Figur zu ziehen. Und wenn ich Gott spiele, kann ich meine eigenen Regeln aufstellen. Also ergreife ich den dunklen König mit der rechten Hand. Er ist überraschen leicht und fühlt sich zerbrechlich an, wie eine Hohlfigur aus Glas. Ich halte ihn gegen den Lichtschimmer, der durch den vom Vorhang unverdeckten Teil des Fenster dringt und sehe, dass der König gläsern ist und in ihm eine Getreideähre steckt.

Wären die Erinnerungen eingefroren und aufgehoben, müsste man sie nicht nur für sich selbst behalten. Man könnte die Liebsten daran teilhaben lassen. Die Freude von in der Oktobersonne umherwirbelndem goldenen Laub mit der halb blinden alten Frau teilen. Den Kindern den Geschmack ihrer ersten Geburtstagstorte aufheben.

Ich fühle die Zerbrechlichkeit des Glases in meinen Fingern, bevor ich den König zu Boden werfe, mache mich auf ein Klirren gefasst, doch höre – nichts. Der dichte Teppich hat die Figur am Zerbrechen gehindert. Also bücke ich mich, erfasse den König erneut und spüre, wie filigran er ist, ehe ich ihn gegen die leere Mitte des Schachbretts schlage und das erwünschte Klirren vernehme. 
Im selben Moment bin ich zu Mitternacht über ein Feld spaziert, die gelben Ähren um uns, die Sterne am Nachthimmel über uns. Ich habe das nie getan, doch ich erinnere mich genau daran, wie der sanfte Wind das Getreide zum Flüstern gebracht hat, und bin Hand in Hand mit einem Fremden durch das Feld gegangen, mit einem Fremden, den ich auf einmal liebe, obwohl ich ihn nicht kenne. Dennoch habe ich auf einmal all diese Gefühle und Gedanken in meinem Kopf, die nicht meine sind und nicht meine waren. Ich habe eine fremde Erinnerung und jetzt ist es meine. Ich lese: „Wenn Du hier bist, spielst Du Gott“, und ich beginne zu verstehen.


Die Erinnerungen sind alle für die Ewigkeit bewahrt, Momente, die man in ein Marmeladenglas steckt, um es bei Bedarf wieder zu öffnen. Millionen von Momenten, archiviert und aufbewahrt in einer Bibliothek der Erinnerungen.

Nun ergreife ich auch die Dame und halte sie gegen das Licht, um den Gegenstand, der in ihr steckt, zu erkennen. Es ist ein feiner Ring. Steht er etwa für einen Antrag, eine Hochzeit? Ich stelle die Dame vorsichtig wieder auf ihren Platz zurück und blicke in die nächsten Figuren: Ein Gänseblümchen, ein Stück Schokolade, ein zusammengefaltener Zettel. Ein Bauer ist zur Hälfte mit Wasser gefüllt und im nächsten Bauern erblicke ich einen Schlüssel, klein, grau und unauffällig, der bis auf seine Größe haargenau dem Schlüssel gleicht, den ich in der Hand halte. Ich schlage den Bauer gegen das Schachbrett, dorthin, wo bereits die Scherben des Königs verstreut liegen.

Dieses Archiv ist voll unserer Erinnerungen, denen aller Lebenden, denen aller Toten. Und wenn nur noch Staub von uns übrig ist, so bleiben sie noch. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke?


Zwischen den Scherben der beiden Figuren liegen weder eine Ähre noch ein Schlüssel, und ich frage mich, ob die Ähre schon verschwunden ist, nachdem ich den König zerstört habe. Ich warte auf eine neue Erinnerung, auf etwas, doch es ändert sich nichts. Da verstehe ich, mein Blick fällt erneut auf die Inschrift und ich will endlich weg von diesem makaberen Schachspiel, eile durch das Halbdunkel zu der Tür, die derjenigen, durch die ich gekommen bin, gegenüberliegt. Die Tür ist aus dunklen Holz und groß, reicht beinahe bis zur Decke des Korridors, und der Schlüssel in meiner Hand ist klein. Dennoch passt er in das Schloss, ich drehe ihn einmal, zweimal, bis ich ein Klicken vernehme. Ich greife nach der Klinke und drücke die Tür auf.


Doch was, wenn die glücklichen Erinnerungen nur Betrug waren? Täuschung in den schillerndsten Farben, die ewig anhält? Erinnerungen, die wiederkommen, obwohl man sie vergessen möchte? Man kann einen Moment Glück nicht bewahren, außer im Herzen.


Durch die Öffnung sehe ich, dass dieser Raum heller ist, als der, indem ich gerade stehe, quetsche mich hindurch und schließe die Tür. Da fällt mir auf, dass ich den Schlüssel außen im Schloss stecken gelassen habe. Egal, ich brauche ihn nicht mehr, ich bin am Ziel. Vor mir erstreckt sich ein Irrgarten aus Regalen, unendlich weit, manche hoch bis zur Decke, sodass ich das oberste Fach nicht mehr sehe, andere nicht größer als ein Nachttisch. Doch alle sind mit durchsichtigen, verschlossenen Gläsern gefüllt, mit großen, bauchigen Gefäßen und schmalen, verkorkten Eprovetten, mit ungeöffneten Weinflaschen und verschraubten Marmeladegläsern.

Und alle sind gefüllt. Mit Sand, mit einer bunten, halb abgebrannten Kerze in Form einer Fünf, mit Tannennadeln und einer rot-goldenen Christbaumkugel. Vorsichtig nehme ich das Glas mit der Christbaumkugel aus dem Regal, schraube den Verschluss ab und ich habe den Baum geschmückt, mit strahlenden Augen auf das Christkind gewartet, Geschenkpapier vom Paket gerissen. Ich schraube das Glas wieder zu und stelle es zurück.

Entschlossen blicke ich nach vorne und schreite los, entschlossen, das zu tun, weswegen ich hierher gekommen bin. Doch anstatt mich in diesem Archiv zu verlaufen, kenne ich intuitiv die Richtung, in die ich muss. Während ich an den Regalen entlang wandere, abbiege und in einer der Regalreihen verschwinde, könnte ich schwören, dass sich gerade eben ein Schrank verschoben hat. Und das Glas mit der blauen Schleife drumherum und dem Legostein darin ist doch eben noch vor der Flasche mit dem Pokal gestanden, nicht andersherum.

Wir können das falsche Glück nicht bewahren, nicht als Moment. Aber als Wort.

Dann bin ich plötzlich angekommen. Ich stehe vor einem Regal, meinem Regal, exakt so hoch wie ich. In meiner Augenhöhe steht ein riesiges Glas, es beinhaltet nur einen kleinen Schlüssel. Ich brauche beide Arme um nach dem Behältnis zu greifen und werfe es zu Boden. Dort wo es gestanden ist, ist ein freier Platz im Regal und dahinter sehe ich das Gefäß, wegen dem ich hierher gekommen bin. Ohne eine Blick auf den Inhalt zu werfen, schleudere ich auch das zu Boden. Und danach das nächste Glas. Und dann fege ich das ganze Fach leer. Und das darunter. Dann halte ich plötzlich nur noch einen Behälter in der Hand, den ich in das gegenüberliegende Regal schleudere. Ich werfe mich dagegen und es stürzt zu Boden, reißt ein anderes Regal mit, und das noch eines. Die Gläser um mich zerbrechen und fallen, doch wenn sie dabei nicht schnell genug sind, zerbreche ich sie. Ich falle zu Boden, schneide mich an all den Scherben. Ich habe glückliche Erinnerungen. Ich bin von Splittern überseht und höre kein Klirren mehr, sondern ewiges Chaos. Ich bin glücklich.

+++

In einem Korridor steht ein Schachspiel auf einem Tischchen. Der schwarze König und ein Bauer fehlen, stattdessen liegen Scherben auf dem Brett. Wenn Du hier bist, spielst Du Gott.
Die Tür ist geschlossen, aber der Schlüssel steckt noch im Schloss.

11. Februar 2017


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.