Marlies Humpelstetter: Rosa Elefanten

Denk nicht an rosa Elefanten!, hatte Jakob gesagt und das war das erste Mal gewesen, dass sie sich in ihren Kopf gedrängt hatten, mit riesigen Füßen alle anderen Gedanken niedergetrampelt und mit gartenschlauchlangen Rüsseln trompetet hatten.


Du denkst gerade an rosa Elefanten, stimmt’s?
 
Nein, hatte sie gesagt und Jakob hatte gelacht.
 
Lügnerin!

Seitdem sah sie überall rosa Elefanten. 
Wenn sie in den Zoo ging – mit ihrer Freundin Sarah, die nur zu den Affen wollte oder mit dem dicken Tim, der lieber ins Kino gegangen wäre, dann blieb sie immer am längsten vor dem Elefanten-Gehege stehen. Auch wenn die Elefanten nur dalagen und nichts taten und ihre dicke, rosa Haut sonnten.


Wenn sie auf ihrem Schulweg an dem großen gelben Plakat vorbeifuhr, das der Zirkus aufgehängt hatte, als er vor ein paar Monaten eine Vorstellung gegeben hatte und das immer noch da hing, dann sah sie nicht die Artisten und nicht den Löwen und auch nicht den lustigen Clown mit der roten Nase. Sie sah nur den Elefanten und wie er seinen rosa Rüssel schwang. 
Wenn sie jemand fragte, Was sind denn deine Lieblingstiere?, musste sie an rosa Elefanten denken, obwohl sie sie gar nicht leiden konnte, die rosa Elefanten, die mit dicken, runzligen, Körpern ihren ganzen Kopf ausfüllten und so laut trompeteten, dass sie ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte. Katzen, antwortete sie dann.

Wenn sie die rosa Mappe von Sarah sah, auf der keine Elefanten, sondern Häschen drauf waren; wenn sie im Sommer die Blumen goss mit einem langen grünen Gartenschlauch; wenn jemand große, abstehende Segelohren hatte wie Thomas aus ihrer Klasse; wenn sie das ‚ele‘ in ‚Telefon‘ und das ‚fant‘ in ‚Fanta‘ las. 
Dann hielt sie sich die Ohren zu, um das laute Trompeten nicht zu hören und kniff die Augen ganz fest zusammen, um keine rosa Elefanten zu sehen. Aber sie hörte es trotzdem und sie sah sie trotzdem. Jedes Mal.

Rosa Elefanten sind blöd, hatte sie gesagt und Jakob hatte wieder gelacht, sein Jakob-Lachen, sein Grübchen-und-Sommersprossen-Lachen, sein Rosa-Elefanten-Lachen. Er hatte immer gelacht. Über schlechte Witze, über dumme Lehrer, über die Regel, dass man nach dem Essen eine halbe Stunde warten muss, bevor man ins Wasser gehen darf. Auch an jenem Tag hatte er gelacht. An dem Tag, als sie gemeinsam in die Schule gefahren waren. Als er vorne gefahren war und zurück geschaut hatte zu ihr, anstatt auf die Straße. Als sie den großen roten Lastwagen gesehen und so stark gebremst hatte, dass sie fast vom Fahrrad gefallen wäre und er nicht gebremst hatte, weil er sie immer noch angeschaut und immer noch gelacht hatte. 
Dann hatte sie ihn nicht mehr lachen gehört. Nur noch das Geräusch von quietschenden Bremsen, Autohupen, großen Rädern, die über den Asphalt schlittern, aber nicht mehr rechtzeitig stehen bleiben und ihre Schreie, weil er nicht mehr da war, weil sie Jakob nicht mehr sehen konnte unter dem großen roten Lastwagen.

Wie kann man aufhören, an rosa Elefanten zu denken?, hatte sie Jakob gefragt.
 

Indem man nicht mehr an sie denkt, hatte er gesagt und gelacht.

15. Februar 2017


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