Julia Lückl: Nur in meinem Kopf

Die Knopfaugen des alten Teddybären sind das erste, das ich morgens sehe. Vom Fenster aus fällt Licht in mein Zimmer und der Parkettboden unter meinen Füßen ist noch kalt, als ich zu meinem Fenster gehe und die Vorhänge zur Seite ziehe. Draußen regnet es. Ich halte meine Hand aus dem Fenster, sehe den Regen, spüre ihn jetzt, höre ihn nicht. So bleibe ich ein paar Momente. Die Tropfen fallen auf meine Hand, rinnen meine Finger hinunter und tropfen von den Fingerkuppen auf die Terrasse. Dann ziehe ich sie wieder zurück ins Zimmer, trockne sie an den Vorhängen ab.

Ich gehe zu meinem Schrank, stelle mich auf die Stelle, auf der ich den Boden früher immer knarzen hören konnte. Jetzt nicht mehr. Der oberste Pullover, der im Kasten liegt, die Jeans von gestern, Unterwäsche, Socken und ich ziehe mich an. Dann stelle ich mich vor den Spiegel. Ein Junge spiegelt sich darin. Sechzehn Jahre, würde ich schätzen. Die Augenbrauen vielleicht ein bisschen zu verwachsen, braune Augen und eine leichte Krümmung in der Nase. Mein Kalender wird neben mir darin gespiegelt. Der heutige Tag ist mit einem schwarzen Edding markiert, nicht von mir, sondern von meiner Mutter. „Anna“, steht da. Ich seufze und gehe die Treppe hinunter in die Küche.

Auf der Kühlschranktür klebt ein kleiner Zettel und ich erkenne die geschwungene Schrift meiner Mutter. „Hole Anna vom Bahnhof ab. Dauert nicht lange! Frühstück ist im Kühlschrank“, steht da. Ich öffne die Kühlschranktür mit einem Schmunzeln auf den Lippen und nehme die kleine Glas-Schüssel mit Naturjogurt und frischen Früchten heraus. Damit setze ich mich an den kleinen Küchentisch, rund mit zwei Sesseln. Ein Löffel und eine Serviette liegen schon auf dem Tischchen und ich grinse unwillkürlich, als ich an meine überfürsorgliche, liebenswerte Mutter denke, die einfach alles weiß. Erster Löffel, zweiter Löffel, ich betrachte das Jogurt, wie es weniger wird. Die bunten Farbklekse der Früchte darin verschwinden, weil ich das Obst immer zuerst esse. Dann sehe ich auf, den Blick geradeaus und so bemerke ich den kleinen Wandschrank direkt gegenüber. Die Holzgriffe dieses Schränkchens sind schon lange nicht mehr so weiß, wie sie es einmal waren. In diesem Schrank hatte Mama früher immer die Weihnachtsgeschenke für Anna und mich versteckt. Als Anna auszog, war darauf eine kleine Fotowand entstanden. Nur drei Fotos, mit zu großen Tixostreifen auf der Schranktür befestigt, aber diese Fotos sind ein täglicher Lichtblick für mich.


Das erste zeigt meine Schwester mit ihrem ersten Freund, als er uns zum ersten Mal besuchen kam. Auf diesem Foto sitzt Anna auf der Bank neben dem Esszimmertisch und, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, sieht den Jungen neben ihr an. Ich glaube, er hieß Markus. Und Markus lächelt. Ich mag das Foto, vor allem, weil ich selbst dabei gewesen bin, als es entstanden ist.


Es war damals noch Herbst, aber wenn man das Wetter betrachtete war es eigentlich schon Winter. Irgendein verlängertes Wochenende, auf das ich mich schon seit langem gefreut hatte, stand kurz bevor. In die Therme wollten wir fahren, das hatte Mama versprochen. Ich, noch sieben, fast acht Jahre alt, war an diesem Freitag nach Hause gekommen. Aufgeregt bin ich natürlich sofort ins Wohnzimmer gelaufen. Und da saßen die beiden. Mama und Anna. Anna sah zornig aus, riss ihren Mund so weit auf, dass ich wusste, sie schreit jetzt, auch ohne einen Ton zu hören. Mama war eher genervt und redete auf ihre Mama-Art auf sie ein. So stand ich eine Weile in der Tür, ich weiß nicht wie lange. Eine Minute, höchstens zwei. Dann erst bemerkten sie mich. Mama sagte etwas zu Anna, die verstummte und mich wütend ansah. Verwirrt fragte ich mit meinen Händen, was denn los sei. Mama zog mit ihren Händen eine unsichtbare Linie durch die Luft: „Nichts ist los“, wollte sie damit sagen. Ich nickte nur und warf noch einmal einen Blick an ihr vorbei, auf Anna. Ihre Augen waren rot umrandet von den Tränen, die ihre Wangen hinunterliefen, aber sie funkelte mich zornig an. Ihre Augen hatten immer so einen leicht fiebrigen Glanz, wenn sie böse war. Aber Mama gab mir noch einen Kuss auf die Stirn, deutete mir, nach oben in mein Zimmer zu gehen und das tat ich, ohne mich noch einmal zu Anna umzudrehen. Ich würde gerne sagen, ich hätte die beiden streiten hören können, aber das konnte ich nicht. Und trotzdem wusste ich, dass die beiden dort unten im Wohnzimmer saßen und sich gegenseitig mit Worten bewarfen.

Als Mama mich dann abends ins Bett brachte, stritt ich mich zum ersten Mal mit ihr, ohne zu schreien. Ich fuchtelte nur wild mit den Armen herum und weinte ein bisschen: Sie hatte mit diesen seltsamen Handbewegungen erklärt, dass wir nicht in die Therme fahren würden. Ich sollte Oma besuchen.
Als ich meine rechte Hand energisch nach unten fallen ließ, um zu fragen, wieso sie mich denn nicht bei sich haben wollten, sagte sie nichts mehr. Oder besser: Sie deutete nichts mehr.

Dann wurde Oma krank und ich konnte nicht zu ihr fahren. Um ehrlich zu sein, störte mich das auch nicht. Es gab noch mehr Streit zwischen Mama und Anna, aber ich konnte nicht hören, worum es ging. Das Reden war für sie eine Art Geheimsprache geworden.

Schließlich erklärte mir Papa, was los war. Annas erster richtiger Freund wollte uns besuchen. Und auch wenn ich es nicht zugeben wollte, ich war an diesem Nachmittag ziemlich traurig. Nicht die Art von traurig, bei der man herumsitzt und weint, sondern die, wenn man einfach nur dasitzt und sich fragt, was man falsch gemacht hat. Ich wusste immer schon, dass ich Anna peinlich war. Dass sie es als unangenehm empfand, wenn mich ihre Freundinnen kannten und dass sie in ihrer Schule eine Zeit lang so getan hatte, als hätte sie keinen Bruder. Und irgendwie verstand ich sie auch. Es ist nicht leicht, das Mädchen neben dem tauben Jungen zu sein. Ich hatte es immer akzeptiert, dass sie mich nicht zu ihren Theateraufführungen in der Schule mitnehmen wollte. Und ich hatte mich nie beklagt, wenn ich zu Oma gefahren war, weil ihre Freundinnen zu ihrem Geburtstagsfest kamen. Aber wenn ich ehrlich bin, tat es mir schon ein klitzekleines bisschen weh, dass sie mich so verleugnete. Auch wenn ich ihr das nie gesagt hätte.

Und dann war ich eben doch dabei, als Annas Besuch kam. Den Vormittag über hatte Anna geweint und ich hatte einmal an ihre Zimmertür geklopft. Ich weiß nicht, ob sie etwas gesagt hat, ich kann sie ja nicht hören, aber ich habe dann noch ein bisschen vor ihrem Zimmer gewartet und gehofft, dass sie mir aufmacht. Und ich habe die braun gestrichene Tür angestarrt, die sich nicht geöffnet hat.

Zu Mittag holte Mama mich dann. Da war dieser Junge, der der Freund meiner Schwester sein sollte. Mama zeigte auf mich und sagte etwas. Ich stellte mir vor, wie sie sagte: „Das ist Michi.“ Und der Junge gab mir die Hand, sagte etwas. Mama übersetzte es für mich in Gebärdensprache. „Ich bin Markus.“ Und dieser Markus, einen verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht, sah zwischen Mama und mir hin und her. Dann wurde seine Verwirrung zu Unsicherheit. Ich kannte das schon. Das ist mit den Busfahrern, den Verkäuferinnen im Supermarkt und den Kindern am Spielplatz dasselbe. Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Aber ich muss zugeben, Markus war ein toller Kerl. Er hat einfach einen Block aus seiner Jackentasche gezogen, und Mama etwas gefragt. Die ist in die Küche gegangen und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen und einem blauen Werbegeschenk-Kuli zurückgekommen. Markus hat ein schnelles „Hallo!“ auf das Papier gekritzelt und so habe ich an diesem Nachmittag mit Markus geredet. Ich mag diese Art zu reden, das Schreiben meine ich, auch wenn man dabei ja eigentlich nicht redet. Anna hat uns zugesehen, als wir gerade eine Unterhaltung über die Schule führten. Dann ging sie aus dem Zimmer. Ich dachte schon, sie wäre wegen mir gegangen. Aber dann kam sie wieder zurück, einen Stift und einen Block in der Hand. Und wir schrieben zu dritt. Deshalb liebe ich dieses Foto so sehr. Man sieht darauf auch ein kleines Notizbüchlein vor Anna liegen und wenn man genau hinsieht, erkennt man sogar ein Stückchen meines kleinen Fingers auf diesem Foto.

Diese Erinnerung gehört zu den schönsten, die ich besitze.

Mein Blick gleitet weiter zum nächsten Foto. Eines von Anna. Braun gebrannt, die Haare geblichen, und ein paar Sommersprossen auf der Nase. Es war kurz nachdem sie aus diesem Ferienlager zurückgekommen war. Ich war damals sechs Jahre alt gewesen, sie schon dreizehn. In diesem Sommer konnte ich besonders laute Dinge sogar noch hören. Ich erinnere mich wieder an den Abend, als Mama und Papa zu Anna gesagt haben, dass sie einen Platz in einem Ferienlager für sie bekommen hätten. Anna hat sie angesehen, zuerst ein wenig erstaunt, dann drehte sie sich zu mir. Ihr Blick wurde zornig. Sie sagte etwas zu Mama und die sagte etwas zurück. Ich konnte sie nicht verstehen. Ich weiß noch, wie wütend ich damals war. Ich hasste es, wenn sie so leise sprachen, dass ich sie nicht verstand. „Was redet ihr da?“, habe ich geschrien. Meine eigene Stimme hörte sich wie ein Flüstern an, unter all dem Surren in meinen Ohren. „Halt die Klappe!“, hatte meine Schwester zurückgebrüllt. Und ich war dann einfach nur mehr beleidigt dagesessen. Hatte meine Mutter abgeschüttelt, als sie einen Arm auf meine Schulter legen wollte.


Sie begannen zu schreien und Anna fing irgendwann an zu weinen. Nicht, dass ich ihr Schluchzen hätte hören können, ich sah nur, wie die Tränen stumm über ihre Wangen liefen.
„Ihr wollt mich doch nur loswerden!“ Anna strich sich wütend die Tränen von den Wangen, „Zwei Monate, das sind ja meine ganzen Ferien! Wieso kann ich nicht hierbleiben?“

Papa sagte etwas mit seiner leisen, ruhigen Stimme, die ich nicht verstehen konnte. Anna schon.
„Es ist seinetwegen! Hab ich nicht recht?“

Mama hatte vorsichtig in meine Richtung geschaut und etwas zu Anna gesagt, Leise, aber ich sah, dass sie wütend war.
 Anna ignorierte sie einfach.
„Es wird nicht besser! Wann kapiert ihr das endlich?“, hatte sie geschrien. „Ihr könnt seine dummen Ohren operieren lassen, sooft ihr wollt und er wird trotzdem nichts mehr hören!“

Dann bin ich aufgestanden und in mein Zimmer gegangen. Die Tür habe ich hinter mir zugesperrt und den Schlüssel innen stecken lassen, damit sie nicht aufsperren können. Ich glaube, sie haben ein paar Mal an meine Zimmertür geklopft, aber ich habe sie nicht gehört.

Dieses Foto erinnert mich an das letzte Mal, als ich Annas Stimme gehört habe. Sie war am nächsten Tag mit dem Zug in das Ferienlager gefahren. Als sie zurückkam, konnte ich überhaupt nichts mehr hören.

Es ist die letzte Erinnerung an ihre Stimme. Und manchmal, wenn ich nicht mehr weiß, wie ihre Stimme klingt, sehe ich es mir an, dieses Foto. Dann höre ich ihre Stimme wieder. Zumindest in meiner Erinnerung.

Ich betrachte das letzte Foto, in der oberen Ecke des Kastens. Darauf bin ich zu sehen, mit einem Schokoladeneis in der Hand. Es war der Tag, als ich aus dem Krankenhaus heimkam. Zwei Monate hatte ich dort verbracht. Die zwei Monate, die Anna in diesem Ferienlager war. Und von diesem Zeitpunkt an, waren wir uns irgendwie fremd, Anna und ich. Gebärdensprache wollte sie nicht lernen. Reden konnten wir nicht mehr. Wenn es notwendig war, schrieben wir etwas auf einen Zettel und kommunizierten auf diese Art. Aber es hatte sich noch etwas verändert. Ich kam damals nach Hause und auf den ersten Blick war alles wie immer. Die metallene Türklinke unserer Haustüre lag genauso in meiner Hand, wie zuvor. Der Duft nach alten Büchern in Papas Arbeitszimmer, die Schokoladeflecken auf dem weißen Tischtuch. Sogar die alte Lampe im Keller flackerte noch leicht, weil Papa die Glühbirne noch nicht ausgetauscht hatte. Aber es war nicht dasselbe. Da fehlte das Surren der Waschmaschine, das man im ganzen Haus hören konnte. Und das Knarzen, wenn ich die Stiege hinaufging. Da ist nicht mehr das Rauschen der Toilettenspülung, und das Schnurren unserer Katze war verschwunden. Da ist nur mehr Stille. Diese Geräusche, ich kann sie mir nur vorstellen. Sie sind nur in meinem Kopf.

Eine kleine Träne tropft in die Schüssel vor mir und ich wende den Blick von den Fotos ab. Ich starre lieber den Holztisch vor mir an. Der Löffel ist mir irgendwann aus der Hand gefallen. Ich habe es nicht bemerkt. Wie auch? Ich kann es ja nicht hören, wenn er auf den Tisch aufschlägt. Da ist nichts. Einfach nichts. Ich vermisse den Klang von Regen, wenn er auf das Dach fällt. Dieses Prasseln, das es im Haus noch viel gemütlicher macht. Ich wünschte, ich könnte noch einmal das Lachen meiner Mutter hören. Ich stelle mir oft vor, wie dieses Lachen geklungen hat. Ich habe solche Angst, es zu vergessen. Oder das ständige Bellen des Nachbarhundes, über das sich Papa immer so geärgert hat. Und ich vermisse den Klang meiner eigenen Stimme.

Ich denke oft an Anna. An früher, als ich noch mit ihr reden konnte. An uns, wie wir streiten, wie wir uns wieder vertragen und uns schließlich noch mal streiten. Und manchmal denke ich auch an die letzten Worte, die ich noch von ihr habe. Ziemlich oft sogar. Und ich frage mich, ob sie sich deswegen schuldig fühlt.

Durch das kleine Küchenfenster sehe ich, wie Mama das Auto rückwärts in die Einfahrt schiebt. Es regnet immer noch. Das Auto bleibt stehen und ich stelle mir das Geräusch vor, wie der Motor abrupt abgedreht wird. Mama steigt aus. Anna steigt aus. Jetzt sollten die Autotüren zuschlagen. Annas Haare sind länger geworden. Sie trägt die braunen Locken zu einem Zopf geflochten. So, wie früher. Und immer, wenn ich Anna sehe, ist dieser Zopf länger.

Sie gehen zur Haustüre und ich kann sie nicht mehr sehen. Höre das Drehen des Schlüssels im Schloss nicht. Stelle es mir nur vor.

Im Vorzimmer geht das Licht an, ich kann den Lichtschein sehen. Das Geräusch, wie sie sich die Schuhe ausziehen, die Füße, die über den Teppich im Gang gehen. Alles nur Geräusche in meinen Gedanken. Und dazu die Frage, ob sich Anna wohl schuldig fühlt. Mama kommt um die Ecke, deutet ein Hallo.
Und dann steht sie auf einmal da. Anna. Ihre blauen Augen, die mich mustern. Sie öffnet den Mund, will etwas sagen. Aber sie weiß, dass ich es nicht verstehe. Also steht sie einfach nur da. Weiß nicht, was sie tun soll. Mama sagt etwas zu ihr und geht aus der Küche. Und Anna wartet immer noch dort.

Dann stehe ich auf, gehe auf sie zu und umarme sie. Ich spüre ihren Atem an meinem Ohr und wünsche so sehr wie noch nie, jetzt wieder hören zu können. Aber unser Leben ist keine Geschichte, in der einfach so ein Wunder passiert. Das habe ich mittlerweile begriffen. Ich drücke sie ganz fest an mich. Öffne den Mund. Versuche etwas zu sagen. Hab dich lieb, will ich sagen, aber ich weiß nicht, ob es tatsächlich aus meinem Mund kommt. Sie nimmt meine Hand von ihrem Rücken, legt ein kleines Stück kariertes Papier hinein. Es ist zerknittert, aber ich kann ihre saubere Handschrift darauf erkennen.
„Entschuldige“, steht da.

23. Februar 2017


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