Petrus Malkasten

Dorothea Newerkla: Petrus‘ Malkasten

„Es wird bald dunkel, aber noch bahnen sich die letzten Strahlen der Abendsonne ihren Weg zu mir, da Petrus die letzten Sonnenstrahlen eben erst ausgelöscht hat. Ich habe dank Dir viel Erfahrung mit in den Himmel Schauen und weiß, dass da oben bald die gleiche Farbe sein wird, wie an Deinem Regenschirm und an dem Stein vor mir.

Ich bin mir sicher, Du weißt, dass ich Dir die beiden Daten auf dem Stein selbst in meinen Träumen aufsagen könnte, ebenso wie den Namen, Deinen Namen, den ich viel zu gut kenne. 
Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl, sind die Zeichen eingraviert, in einem gewöhnlichen, nie so richtig glänzenden Goldton.

Ich weiß gar nicht, wieso ich sie so gut kenne, da ich lieber hinaufblicke, wenn ich hier stehe, als vor mich. Es ist schon fast ein Dreivierteljahr her und obwohl ich fast jeden Tag herkomme, will ich es immer noch nicht glauben. Vielleicht mag ich den Stein deswegen nicht, weil er da steht und mir die Wahrheit über Dich erzählt, die ich nicht sehen will, die ich schon als sie mir das erste Mal erzählt wurde nicht verstehen konnte. Doch wenn ich verstehen will, dann denke ich an die Wolken, an den Wind und an den Regen und daran, dass Du mir fehlst, aber der Regen fehlt mir auch.

Denn als sie mir gesagt haben, dass Du tot bist, da habe ich aus dem Fenster geschaut. 
Der Himmel war ganz hell; dieses Blau, das man nie in einem Malkasten finden wird, außer in dem einen, dieses Blau, das so hell ist, dass es gar kein Blau mehr ist, und in dem man ertrinkt, wenn man es lang genug ansieht. Denn die Sonne schien, doch trotzdem waren noch ganz wenige, kleine Wölkchen am Himmel, die so hell waren, dass sie schon fast durchsichtig waren, und der Wind spielte mit ihnen. Als ich die weißen Schwaden vorüberziehen sah, da sagten sie mir, dass Du tot bist. Und ich habe in den Himmel geschaut, wollte darin ertrinken und dachte, der Wind müsste nachlassen, zumindest für einen Moment, denn wenn Du tot bist, dann sollten die Wolken auch stehen bleiben, aber sie zogen vorbei, ohne einen Augenblick haltzumachen. Dann wollte ich, dass es regnet und stürmt und schneit und irgendetwas passiert, aber Gott hat es nicht zugelassen, und ich wollte den Himmel streichen wie Petrus, weil Du es verdienst, für Dich. 
Also bin ich aufgesprungen; ein Glas Wasser stand auf dem Tisch und ich nahm es, riss das Fenster auf und schüttete es hinaus. Da erst merkte ich, dass ich geweint hatte, aber jetzt lächelte ich und drehte mich zu ihnen um und sagte: „Es regnet.“ Doch dann sah ich ihre verwirrten Gesichter, sie starrten mich verwundert an und in dem Moment würdest Du kommen, mich in den Arm nehmen, mir sagen, wie schrecklich es regnet, und Deinen hässlichen Regenschirm über uns aufspannen.

Und ich wartete, aber Du kamst nicht, und genau da wusste ich, dass Du nie mehr kommst. In dem Augenblick regnete es zerbrochenes Glas und Splitter um mich. Ich sah, dass mir das Glas aus der Hand gefallen war, alle blickten auf den Boden, auf die Splitter, die keine Farbe hatten und Du bist nicht da gewesen und Du wirst nie mehr kommen.

Das Einzige, was ich verstehe, ist, dass Du mich allein gelassen hast, dass Du mich alleine im Regen stehen gelassen hast.

Denn als ich dich zum ersten Mal sah, da hattest Du Deinen lächerlichen, riesigen, eintönigen, dunkelgrauen Regenschirm dabei und der Himmel war noch lange nicht so dunkel. Ich war bunt, bunter als der Schirm und lachte über Deinen Schirm und darüber, dass Du so fest daran glaubtest, dass es noch regnen werde, doch Petrus stand wohl auf Deiner Seite und ließ es schütten, kaum dass ich mit Dir gesprochen hatte. Du hast den hässlichen Regenschirm aufgespannt und mir angeboten, dass ich mich auch darunter stellen kann und ich mich sonst garantiert erkälte. Aber ich habe abgelehnt und er warf noch mehr Tropfen auf uns.

Danach lag ich drei Tage lang im Bett, erkältet und mit Fieber, aber das habe ich Dir erst viel später erzählt. Ab da habe ich mich zu Dir gestellt, wenn es geregnet hat, unter Deinen lächerlichen, dunkelgrauen Schirm, der gar nicht mehr so groß ist, wenn man gemeinsam darunter steht. Und irgendwann fand ich Deinen Schirm nicht mehr so hässlich, sondern sah ein sehr buntes Grau.

Später hast Du mir erzählt, dass Du Regen nicht magst, weil Du Dir nie sicher sein kannst, wann es beginnt zu regnen, Du aber doch so gern auf alles vorbereitet bist und dem Wetterbericht nicht traust. 
Ich habe es Dir nie gesagt, aber ich habe die Ausdauer bewundert, mit der Du beharrlich Deinen Schirm durch die Gegend getragen hast, mit der Begründung, dass es nach Regen aussieht, auch wenn das bedeutet hat, dass Du auch an sonnigen Tagen selten ohne ihn das Haus verlassen hast.

Ich hätte Dir wahrscheinlich sagen sollen, dass Du Dir doch so einen merkwürdigen, farbenfrohen, klappbaren Schirm anschaffen solltest, aber der wäre kleiner gewesen, also habe ich es nicht getan. 
Du hättest mir wahrscheinlich nahe legen sollen, dass ich mir einmal einen eigenen Regenschutz anschaffen soll, aber Du hast es nie getan.

Und jetzt stehe ich hier und rede mit Dir, aber Deine einzige Antwort ist die Dämmerung, denn Du hast schon fast alle Strahlen der Abendsonne eingesammelt, denn so wie ich dich kenne, achtest Du penibel darauf, nichts zu übersehen. Darum frage ich mich, wie Petrus nur ohne Deine Hilfe ausgekommen ist. Ich bin sicher, Du hilfst ihm jetzt, da du Deinen Schirm nicht bei Dir hast, also ist Mitbestimmen für Dich die einzige Möglichkeit, der Unvorhersehbarkeit von Wind und Wetter zu entgehen. Also bist du da oben und wirfst Tropfen herab, erleuchtest die verborgenen Schatten und bedienst dich einzigartiger Farben, so wie jener, die der Himmel am Tage Deiner Beisetzung hatte.

Bei deinem Begräbnis war der Himmel blau angemalt, doch diesmal blass und alt, aber wieder in einer Farbe, die nur in einem einzigen Malkasten zu finden ist, mit zerrupften, kaputten, verlassenen Wolken, die Petrus sicher absichtlich auseinanderriss. Und ich war wütend auf Dich, weil Du nicht da warst und genauso wütend war ich auf Gott, weil Du bei ihm bist.

Außer dem Wetter und der Wut kann ich mich nicht mehr an viel erinnern, nur an noch mehr Regen. 
Denn nachdem der Sarg, der in einem hässlichen, gewöhnlichen, glänzenden Schwarz gestrichen war, hinabgesenkt worden war, da streuten sie Erde darauf und Blumen und Wasser. 
Es regnete Erde, die hässlich war und eine langweilige, unbestimmbar braune Farbe hatte, und Rosen; Rosen, die so zartgelb waren, dass ich Angst hatte, sie würden gleich verblassen, dagegen auch welche, die so einen schlechten, ungesunden gelben Farbton hatten, dass tief in der Erde wohl tatsächlich der einzig richtige Ort für sie war, dazu so leuchtend gelbe, dass sie wie ein makaberer Witz wirkten und rote Rosen, tief dunkelrot wie Messwein, hellrot als würden sie meine Augen verbrennen wollen und Wasser, das geweiht und gesegnet war, aber trotzdem keine Farbe hatte

Und ich war so verdammt wütend auf Dich und habe Dir gewünscht, dass Du ertrinkst, weil Du mich allein gelassen hast, bis mir eingefallen ist, dass der Regen aus Erde, Blumen und Wasser schrecklich für Dich sein muss, da du doch keinen Schirm dabei hast. Das war dann nur noch traurig und erst da bemerkte ich die Himmelsschlüssel in meiner Hand, die kleine gelbe Blüten trugen, die ich in meiner Wut zerzupft hatte und die feucht waren vor Tränen und beschloss, dass Du zu gut für sie bist und sie zu bunt für Dich sind und ein Splitterregen für Dich bestimmt ausgereicht hatte, und warf sie dem Sarg nicht hinterher.

Aber am Abend jenes Tages, als es schon so dunkel war, dass ich all die Steine trotz all der Grablichter nur schemenhaft erahnen konnte, kam ich Dich zum ersten Mal besuchen und brachte einen Bund frischer Himmelsschlüssel mit, die ich vorsichtig auf die Erde legte.

Seit diesem Besuch bin ich schon oft gekommen, aber meist ohne Farben. Ich will nicht mit leeren Händen vor Dir stehen, da du mir Regen schenkst, also schenke ich Dir eine winzige Sonne. Eine kleine Kerze, die ich jetzt angezündet habe und die eine von vielen an diesem Ort ist, eins von so viel Lichtern, die wunderbare Geschenke sind, für diejenigen, die uns vorausgegangen sind. Bitte grüß alle, die da oben sind, von mir.

Eines Tages werde ich auch bei ihnen sein und bei Dir. Dann wirst Du auf mich warten mit Armen voller Sonne, Wind und Regen und so vielen Farben, wie ich noch nie gesehen habe.

Bis dahin bleibt mir nur, in den Himmel zu schauen und dir bleibt nur, mir Sonne, Regen und Wind zu schicken und Deinen Gruß ins Firmament zu schreiben in der schönsten Schattierung, die Du parat hast.

Schon ist es Nacht und düster um mich, also gehe ich, aber wir werden uns wiedersehen.
Denn jetzt sind hier nur lauter kleine Lichter.
Aber morgen scheint die Sonne.“

28. Februar 2017


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