Julia Lückl – Weißt du noch?

Weißt du noch, wie es ist, auf der Schaukel zu sitzen? Du wippst ganz leicht und schreist höher, höher! Und dann kommen sie. Sie tauchen dich an, bis in die Wolken und du fliegst, weil du glaubst, dass du fliegst und was die anderen denken ist nicht wichtig, weil du fliegst. Du bekommst Flügel, nein, die Schaukel bekommt sie und du vergisst, alles, alle. Weil du fliegst. Mit der Schaukel. In deine Träume. Weißt du noch?

Zeichne es, haben sie gesagt, das wird schon. Alles wird. Immer. Also sind sie gegangen und ich bin dagesessen mit einem Stift und einem Stück Papier und noch mehr Stiften und noch mehr Papier. Und ich habe gezeichnet. Mit den Augen. Ich zeichne immer mit den Augen, das ist viel schöner. Meine Augen kennen so viele Farben, die das Papier nicht kennt, die alle nur verloren gehen, wenn ich sie zeichne, mit den Stiften meine ich. Meine Augen können Worte, Sätze, Gedanken zeichnen, bunt, weiß, schwarz.

Weißt du noch, wie du glücklich warst? Ich meine so richtig glücklich, so ein ich-umarme-jetzt-die-ganze-Welt-glücklich? So wie damals, als du mit mir das Baumhaus gebaut hast. Als du drei Tage lang jeden Tag vom Haus zum Baum und wieder zurückgelaufen bist, weil mich lieb hast und weil du mich glücklich machen wolltest und weil ich so glücklich war. So ein Ich-bin-glücklich-weil-du-glücklich-bist-glücklich-Sein, weißt du?

Irgendwann höre ich auf, die Striche, das Bild, die Farben verschwinden. Meine Augen sind müde. Ich lege meinen Kopf auf den Tisch. Rot. Blau. Grün. Gelb. Sie sind so einfach, so unschuldig und sie können nichts dafür. Ich stütze mich auf meine Ellbogen, nehme die Rot, weil sie rot ist und weil es Zufall war, aber es ist ja auch Zufall, dass sie rot ist, sie könnte auch grün sein, oder? Ich mag keine Zufälle. Aber die Rot mag ich trotzdem, sie kann nichts dafür, also, dass sie ein Zufall ist, meine ich.

Weißt du noch, wie gerne ich im Garten verstecken gespielt habe? Du hast dich versteckt, meistens, ich hatte nie so tolle Ideen wie du. Also habe ich einfach deine Verstecke genommen und du hast mich trotzdem nicht gefunden. Ich war so stolz damals, erinnerst du dich?

Die Rot zeichnet jetzt, also ich zeichne mit der Rot, aber das ist eigentlich egal, zumindest für sie. Ich zeichne ein Dach. Ja, zuerst das Dach, es muss das Erste sein, es ist das Erste, an das ich mich erinnern kann, also eigentlich das Letzte, aber das ist jetzt auch egal. Das Dach ist dunkelrot. Es war dunkelrot, meine ich. Aber das kann meine Rot nicht, also ist das Dach jetzt einfach hellrot.

Weißt du noch, wie es war, als wir auf der Wiese lagen und Wolken-raten gespielt haben? Du hast lauter Schafe gesehen, ich nur Schokoladehasen und du hast gelacht. Und dann sind die Schafe und Schokohasen verschwunden, weil wir eingeschlafen sind, glaube ich zumindest. Ich war so müde von den vielen Wolken, weiß du noch?

Ein Haus, einfach, vier Striche, zwei Fenster und die Tür. Die war etwas Besonderes, das weiß ich noch. Da war dieser Schild mit einem Namen, der mich ein bisschen an einen Frühlingsduft erinnert hat, frag mich nicht wieso. Aber die Tür hat mir gefallen. Und da war eine Schaukel aus Holz, noch ganz neu und ein Baum mit Haus und so ein kleiner geschotterter Weg, es hat ein bisschen wie unser Haus ausgesehen. Die Grün zeichnet das. Und manchmal auch die Gelb. Nur die Blau nicht, die passt nicht.

Weißt du noch, wann wir das letzte Mal am Fenster gesessen sind, weil es geregnet hat? Und die Tropfen sind gefallen und gefallen und ich habe gefragt, so viele Fragen waren da. Ich war so klein und du so groß, auch wenn ich lieber größer gewesen wäre, aber du hast gesagt, ich wachse noch, also habe ich dir geglaubt. Du hattest doch immer recht, oder?

Ich will eigentlich nicht mehr zeichnen. Das Bild ist eigentlich fertig, für mich, nur ich kenne das echte Bild und für das echte Bild ist es nicht fertig. Für die Blau auch nicht. Die will auch noch unbedingt verwendet werden. Also zeichne ich. Das einzig Blaue in dieser Erinnerung.

Weißt du noch, wohin wir damals wollten? Ich bin mir nicht mehr sicher, ich glaube es war eine Überraschung. Von dir. Für mich. Oder? Ich weiß noch, dass ich mich gefreut habe und dass ich so viel gefragt habe. Und dass wir gefahren sind. Bis wir zu dem Haus gekommen sind, so weit sind wir gefahren, erinnerst du dich?

Die Blau zeichnet jetzt. Ein paar Striche nur, habe ich ihr gesagt, aber sie will es ganz genau machen. Ich mag nicht, was sie zeichnet, ich will es nicht auf meinem Bild haben, aber ich will sie nicht beleidigen. Die arme Blau, sie kann nichts dafür.

Weißt du noch, da war doch dieses Quietschen? Ich hab mich zu dir gedreht und neben deinem Fester war etwas Blaues. So etwas Riesiges. Was ist das, habe ich fragen wollen, aber du hast nur geschrien. Also hab ich auch geschrien und ich habe die Augen zugemacht. Du hast aufgehört zu schreien. Ich habe die Augen aufgemacht, etwas gefragt; ich habe vergessen, was. Du hast nichts mehr gesagt. Falls du es noch wissen möchtest, ich habe für dich gefragt, das Blaue war ein Auto.

Das Bild liegt jetzt immer unter meinem Kopfpolster. Ich weiß nicht wieso. Ich vermisse dich. Ich würde gerne mit meinen Augen zeichnen, um mit dir zu sprechen, dich zu fragen, dich zu erinnern, so wie früher. Aber jetzt ist das Bild da. Meine Augen haben ihre Farben verloren, da sind keine Farben mehr, kein schwarz, kein weiß, kein bunt. Also vergiss mich bitte nicht, Mama. Versprochen?

6. März 2017


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