Iris Adelt – (K)ein Text über Liebe

Das ist kein Text über Liebe. Kein Text, der davon handelt, was es heißt zu wissen, was man will. Ein Gefühl der Sicherheit zu verspüren, ohne es davor gekannt zu haben. Ich möchte nicht, dass es wieder nur um die eine Sache geht, die Liebe. Euch nicht mit der Hilfe von Worten erklären, was das eigentlich bedeutet. Ich könnte euch alle Facetten auflisten, euch jedes Gesicht, das die Liebe hat, zeigen. Aber ich möchte nicht, denn ich schreibe nicht über die Liebe. Das ist kein Text darüber. Keiner, an den ihr euch festhalten könnt, der euch euer Gefühlsleben in Worte fasst. Kein Text, den man lesen will um endlich zu wissen, was man empfindet. Nein, so ein Text ist das bestimmt nicht.

Sie ist gerade in der Küche, ich glaube, sie kocht. Zumindest hat sie mich mit den Worten, ich solle doch ihre Pasta probieren, aus dem Wohnzimmer zu ihr bestellt. Wenn ich jetzt über Liebe schreiben würde, was ich nicht tue, dann würde ich euch erzählen, dass ihre Worte mich in Bewegung bringen. Ohne, dass ich darüber nachdenke, mache ich mich auf den Weg zu ihr. Ich warte nicht eine einzige Sekunde, wenn sie nach mir ruft, aber ich wundere mich, warum das so ist. Am Weg in die Küche stelle ich mir also die Frage, wieso ihre Worte eine solche Sicherheit in mir auslösen, dass ich, ohne zu zögern, aufspringe. Ihre Sprache durchdringt meine und verleiht mir solch eine Obhut, dass ich auf ihrer Ebene schwinge? Es scheint mir unmöglich. Aber doch bin ich, nach kürzester Zeit, in der Küche und stehe neben ihr. 
Sie hat bereits einen Löffel in den Kochtopf gehalten und versucht nun, in einem Balanceakt, ihn zu meinem Mund zu führen.

Eigentlich kann ich nicht viel damit anfangen, wenn man Dinge für mich tut, zu denen ich selbst im Stande bin. Aber ich weiß, dass sie es nett meint. Ja, sie hält es sogar für liebevoll, mich ihre Pasta kosten zu lassen, obwohl sie ihr Essen für perfekt befindet. Sie möchte, dass ich meinen Senf dazu geben kann, oder in dem Fall, etwas Salz. 
Wenn das ein Text über Liebe wäre, dann würde ich meinen, dass meine Mutter mir gelernt hat, was im Leben wichtig ist. Dass sie selbst bei kleinen Dingen, wie etwas kochen, mir die Entscheidung überlässt; sie mich mehr liebt, als Worte je beschreiben können; sie mir das jeden Tag, seit ich denken kann, zeigt. 
Aber das ist kein Text über Liebe. Also probiere ich nur ihre Pasta und stimme zu, es schmeckt fantastisch. 


Das ist kein Absatz über Liebe. Kein Absatz, der von ihm erzählt. Keine Worte, die beschreiben, was es heißt, jemanden gefunden zu haben, ohne auf der Suche nach etwas gewesen zu sein. Dieser Absatz dreht sich lediglich um einen Stuhl. Ein Möbelstück aus Holz, das ich kenne.
Der braune Holzstuhl war die erste Sache, die mir ins Auge stach. Ich kann nicht sagen, wieso— er ist umgeben von anderen Möbeln und, um ehrlich zu sein, nicht sonderlich extravagant oder aufregend. Trotz allem ist er es, für den ich mich entschieden habe, als ich das erste Mal sein Wohnzimmer betreten habe. Seit diesem Moment habe ich allen anderen Sitzgelegenheiten keinerlei Chancen mehr gegeben. All die Stühle, die Couch und der riesige, rote Massagestuhl stehen seit meiner Existenz in seinem Leben leer. Und weil ich seit Monaten auf dem braunen Holzstuhl eine Art neues zu Hause gefunden habe, möchte ich darauf sitzen bleiben. Ich bleibe hier, ich weiß nicht wie lange, aber eine geraume Zeit. 
Wenn er und ich sein Wohnzimmer betreten, dann steuern wir beide den braunen Holzstuhl an. Ich, weil ich darauf Platz nehmen möchte. Er, weil er mein Glas Wein auf dem Glastisch genau so positioniert, dass ich es von dem Holzstuhl aus gut erreichen kann. 
„Es ist jetzt dein Stuhl“, sagt er und streicht sich dabei eine Strähne aus dem Gesicht, wie er es immer tut. 
Mein Stuhl. Aber wie kann etwas, das nicht mir gehört, als mein bezeichnet werden? Ich habe tausend Fragen in meinem Kopf, aber ein Blick reicht und ich kenne die Antwort auf jede einzelne.

Ich schreibe gern über Themen, die nicht oft aufgegriffen werden. Alles mögliche, nur nichts Alltägliches. Die Liebe gehört eher zu den Dingen, mit denen man sich in jeder Situation beschäftigt, selbst unterbewusst. Also lasst mich von Sachen erzählen, die sich um alles drehen, aber nicht um die Liebe. Gut, denke ich, lasse meinen Stift fallen und steh jetzt mit diesen Gedanken vor meinem Spiegel. Er ist groß und länglich, ein Ganzkörperspiegel. Ich fange an, mich zu betrachten. Schon komisch, früher war mein Haar irgendwie dicker. Außerdem ist der Glanz auch verloren gegangen. Ich frage mich, wo ich ihn gelassen habe. Mein Ansatz macht mir auch Sorgen, denn meine eigentliche, dunkle Haarfarbe hat nicht zum Vorschein zu kommen. Aber jeden Monat deswegen den Frisör aufsuchen? Nein, ich denke nicht. Ich streiche mein Haar zurück und stecke es hoch. Gefällt mir, denke ich, sieht richtig gut aus. Ich stehe also vor meinem Spiegel und sehe mich an. Was macht schon die Dicke meines Haars aus, wenn ich sie genauso lang habe, wie ich es mag. Ich werde mich auch nicht auf meinen Ansatz konzentrieren, wenn 90% genau die Haarfarbe haben, die ich will. Außerdem… ich mag das so. Ich mag es, wie ich mich an manchen Tagen imperfekt finde, nur um mich wenig später erst recht zu mögen. Und genau die Dinge, an denen ich immer etwas auszusetzen habe, sind jene, für die ich dankbar bin. Das ist doch irgendwie seltsam, denke ich. Ja, mag sein, aber ich mag das so. Ich mag mich.

Das ist kein Text über Liebe, denn ich möchte euch nicht von den Kleinigkeiten erzählen, die mir gezeigt haben, was dieses Wort überhaupt bedeutet. Ich möchte mich nicht in die lange Liste der Liebesgeschichten einreihen, um euch eine weitere Definition des Wortes zu geben. Es ist alles, aber kein Text über die Liebe.

13. April 2017


2 Antworten zu “Iris Adelt – (K)ein Text über Liebe”

  1. Irene holzer sagt:

    Das ist kein Text über Liebe, das IST Liebe!

  2. Andrea sagt:

    5 Mal schob gelesen und noch immer finde ich neue, entzückende, liebevolle Textstellen und Wendungen.

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