Marvin Solms – L E Y L A

      Mein Name ist Leyla und ich bin siebzehn Jahre alt.

      Mir ist schwindelig.

Eine, zwei, drei, vier schemenhafte Gestalten sitzen im Dunkeln. Auf einer Treppe. Schallendes Gelächter dringt zu mir und klingt, als säße ich hinter einer dicken Glaswand, im nächsten Raum. Aber nein. Ich liege auf den Stufen, direkt vor ihnen; ich liege auf dem Rücken und betrachte mit leeren Gedanken die Sterne, die sich bewegen, wie in einem Planetarium, aber viel zu schnell. Ein Lichtschimmer von rechts blendet mich, kommt näher und entfernt sich wieder, begleitet von einem vertrauten Geräusch, das ich nicht benennen kann…brmm.


      Mein Name ist Savannah und ich bin dreiunddreißig Jahre alt.

      Mein Kopf platzt.

Die Gestalten auf der Treppe reichen einen Zylinder herum, setzen ihn sich an die Lippen, bevor sie ihn weitergeben. Nach kurzem Zögern zieht er an mir vorbei und beginnt die nächste Runde. Mir geben sie ihn nicht. Der Mond ist voll und hell und schön und löchrig und weiß und hell, so hell und dreht sich wie ein Kreisel. Aber die Sterne hören auf, sich zu drehen und bilden Buchstaben, Silben, ein Wort am Himmel. Sie rücken zu einer göttlichen Leuchtreklame zusammen. K…o…t…z…e…n.
      Mein Name ist Tim und ich bin zwölf Jahre alt.
      Ich muss kotzen.

Neben mir glimmt ein roter Punkt auf, wird dunkler, Dampf steigt auf, der Punkt wandert weiter, glimmt auf, dunkler, Dampf steigt, wandert, glimmen, dunkel, Dampf, weiter. Als ich versuche aufzustehen, bleibt mein Körper am Boden haften. Ich rolle mich die Treppe herunter, federweich, sieben Stufen. Gelächter. Eine Gestalt wirft sich Tic-Tacs in den Mund. 

Halb krieche, halb stolpere ich um die Ecke. Ruhe. An einer Stange —kalt— ziehe ich mich auf die Beine, falle fast wieder um, stehe noch (Abzüge in der B-Note). Was ist da oben an der Stange? Eine riesige Pille-Pille, nicht noch eine, bitte nicht, Pille-Pille. Nein, ein schwarzer Streifen bewegt sich darauf. Keine Pille-Pille. Eine Uhr. Zeit zum Kotzen.
      Mein Name ist Rachelle und ich bin dreizehnsechzig Jahre alt.
      Ich habe eine Schnecke zertreten. Knack.

Ein Busch. Schöner Busch, geradeaus, vierzehn Komma vier sieben Meter, vielleicht auch vierzehn Komma vier sechs. Ich taumle zum Busch, fast da. Die Sterne sprechen immer noch zu mir. Kein gutes Gefühl im Magen, muss schneller laufen. Busch ist noch einen Schritt entfernt, einen Schritt ins Leere, ich falle. Stahl, weich wie Federkissen, bremst meinen Fall. Meine Freunde formen ein neues Wort für mich, wie funkelnde Synchronschwimmer. G…l…e…i…s. Wenn meine Füße mich nur tragen würden, würde ich weiter auf den Busch zugehen. Ein Lichtschimmer von vorne blendet mich, kommt näher und näher, begleitet von einem vertrauten Geräusch, das ich nicht benennen kann…rattatatam. Knack.
 Mein Name ist Leyla und ich war siebzehn Jahre alt.
      Mir ist nicht mehr schwindelig.

27. Juni 2017


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