Helene Rauch – Verkehrte Welt

Er hing verkehrt im Kirschbaum und fühlte sich normal. Weil er jeden Tag kopfüber am Ast hing. Weil die Welt ihm dann logischer erschien. Weil er die Wolken so viel besser beobachten konnte, die sich langsam veränderten und ihm eine Geschichte erzählten. Das tat er immer. Die Wolken beobachten.

Denn die Wolken waren wichtig für ihn, weil sie ihn beruhigten, und diese Ruhe verlieh seinem Tag Normalität. Und das war noch wichtiger, denn wenn der Himmel stundenlang wolkenlos war, dann konnte er nicht verkehrt in seinem Baum hängen und die Welt unter ihm betrachten.

Dann war er wütend. Dann sagten ihm alle, dass er aufhören solle, sich so zu benehmen, und dann meinten sie, er solle lernen, seine Emotionen zu kontrollieren, seine Wut hinunterzuschlucken. Er solle sich benehmen wie ein normaler Mensch, und damit meinten sie: wie die anderen. Er solle nicht „einer von denen“, sondern „einer von ihnen“ sein. Das sagten sie nicht, aber er wusste, dass sie es dachten. Aber das ging nicht, er konnte nicht gleich sein, wenn er anders war. Und das begriffen sie nicht.

Autist.

Bei manchen Leuten klang das Wort wie eine Krankheit, wenn sie es aussprachen. Bei manchen wie ein armer Kranker. Wie eine gefährliche Schlange. Ein mitleiderregender Klotz am Bein. Ein ungeladener Gast. Eine unerwünschte Störung in ihrem normalen Leben, das sich so sehr von seinem normalen Leben unterschied.

Aber bei keinem klang es wie ein Freund. Wie jemand, dem man vertrauen konnte. Wie eine Bereicherung. Er ist Autist klang fremd und abstoßend in den Ohren der anderen. Für ihn klang es normal. Danach, wie die verschiedenen Personen das Wort aussprachen, wurden sie von ihm beurteilt. Danach, und danach, ob sie es in Ordnung fanden, dass er gerne verkehrt herum im Kirschbaum hing. So wie jetzt. Das war bei den wenigsten der Fall.

Er starrte nach oben, was von ihm aus gesehen unten war. Die Kirschen hingen genau wie er, Hals über Kopf. Wenn man Stängel und Frucht so bezeichnen konnte. Er pflückte sich eine, ließ sie zwischen den Zähnen zerplatzen und spuckte den Kern aus. Er fiel nach oben, bis er den Himmel aus Gras erreichte. Der Boden war heute voller bauschiger Wattewolken, die, wie alte Freunde, nur für ihn eine Geschichte erzählten. Dort unten kam die dicke Frau mit der Knollennase und knickste ungeschickt vor dem Elefanten, dann setzten die beiden ihren Weg fort. Das Segelschiff fuhr auf einen Hafen zu, den er sich nur vorstellen konnte, denn es hatte eine weite Reise vor sich. Die Segel blähten sich bei jedem Windstoß.

Später würde er all die Figuren zeichnen. Denn das konnte er besser als alle, die auf ihn herabsahen, besser als die, die ihn auslachten. Kein Detail vergaß er, jedes einzelne Blatt, das er von oben betrachtete, wurde originalgetreu auf das Papier gebracht. Wenn jemand seine Zeichnungen zu Gesicht bekam, sagte er meist etwas wie: „Der Autist ist doch verrückt. Was machen denn Kirschbaumäste im Himmel?!“ Aber dann klang das Wort, das er so sehr hasste, nach Ehrfurcht. Vielleicht auch nur nach Furcht. Davor, dass er etwas konnte, obwohl er doch nur der Autist war.

4. Dezember 2017


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