Julia Lückl – Pistaziengrün und Himbeerrosa

Sie hatte das Buch auf ihren Schoß gelegt und hielt das Gesicht in die Sonne, lehnte sich gegen seine Schulter. So wie früher. Sein Pullover kratzte ein wenig an ihrer Wange, aber sie blieb, wo sie war.
„Hast du morgen noch frei?“, fragte sie und sah zu ihm hinauf. Seine Haare waren länger als normalerweise, er hatte nicht daran gedacht, sie schneiden zu lassen.

„Nein“, sagte er, „ich habe dir ja gesagt, dass sie mir nicht mehr als diese Woche geben.“ Er sah geradeaus, direkt auf den Spielplatz. Sie folgte seinem Blick und schwieg. Zwei Kinder spielten im Sandkasten, ein Mädchen und ein Junge. Sie schaufelten den Sand mit den Händen in einen roten Eimer, der von der Sonne schon ganz verblichen war. Die Schuhe des Jungen blinkten blau, wenn er den Fuß bewegte. Ein Stofftier lag am Rand der Sandkiste. Es war ein blauer Pinguin, so einer, der wie jener aussah, den sie vor drei Wochen gekauft hatte.

„Ich habe irgendwie Lust auf ein Eis. Willst du auch eines?“, fragte er und sah zu ihr hinunter. Sie schüttelte den Kopf und wünschte sich, dass er nicht aufstünde, dass er einfach hier sitzen bliebe und sie sich an ihn lehnen könnte.

Er richtete sich auf. Sie hob den Kopf von seinen Pullover und lehnte sich gegen die Holzlehne der Bank.
Er stand auf, blieb einen Moment vor ihr stehen, den Blick auf den Spielplatz gerichtet.
„Siehst du den Jungen da?“, fragte er, ohne sie anzusehen. „Ich habe mir immer gedacht, dass ich unserem Kind auch solche Schuhe kaufen werde.“ Er drehte sich nicht noch einmal um, ging den Weg entlang, bis er hinter den Bäumen verschwand.

Er sah nicht mehr, wie eine Träne über ihre Wange rann und auch nicht, wie sie sie mit dem Ärmel abwischte. Sie griff nach der Kette um ihren Hals. Den Anhänger hatte er ihr geschenkt, an jenem Tag, nachdem sie ihm die ersten Bilder gezeigt hatte. Weder er noch sie hatten sich wirklich vorstellen können, dass dieses kleine Etwas auf dem Bild irgendwann in ihren Armen liegen würde. Aber er hatte sie in den Arm genommen und sie geküsst. Seitdem hatte er das Bild in seinem Portemonnaie. Auch jetzt noch. So wie sie seine Kette noch immer trug. Der Anhänger war klein, herzförmig, ein kleines Herz. Man konnte es öffnen, ein kleines Foto hineingeben. „Da kommt das erste richtige Foto hinein“, hatte er gesagt, als er ihr den Anhänger geschenkt hatte. Jetzt würde es leer bleiben, das kleine Herz.

Sie sah nach vorne auf den Spielplatz. Die rote Rutsche verschwamm vor ihren Augen mit den Bäumen im Hintergrund und sie strich sich mit dem Ärmel über die Augen. Ihre Gedanken drehten sich wieder, es war ein Kreis, ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende. Ein Kreis eben.
Sie sah weiter nach vorne. Es waren jetzt mehr Kinder auf dem kleinen Spielplatz, weil der Sommer kam und weil es warm wurde und hell und die Kinderwägen hatten fast keinen Platz mehr auf dem Weg. Und es war lauter geworden, zumindest lauter als die letzten Wochen.

Sie sah ihm nicht in die Augen, als er zurückkam. Er hielt ihr die Tüte mit dem Eis hin. Es war rosa, babyrosa, himbeerrosa. So hatte sie das Zimmer neu streichen wollen, auch wenn sie wusste, dass das ziemlich klischeehaft war und viel zu übertrieben und dass die Farbe eigentlich schrecklich war, aber der Gedanke daran hatte sie glücklich gemacht. Ihn leider nicht und sie hatte geseufzt und schließlich hatten sie das Zimmer grün streichen lassen. Aber nicht so wie das Eis, nicht pistaziengrün. Sie schüttelte den Kopf, auch wenn sie Hunger hatte, sie hatte in letzter Zeit ständig Hunger gehabt. Jetzt wollte sie nichts essen, nichts Pistaziengrünes und auch nichts Himbeerrosafarbenes. Sie wollte nur dasitzen, auf dieser anderen Bank und sie wollte die Rutsche von hinten betrachten, die sie die letzten Monate immer nur von vorne gesehen hatte und sie wollte die Kinder lachen hören, aber nicht sehen. Sie wollte ein himbeerrosafarbenes Zimmer und kein Grünes, das nicht einmal pistaziengrün war, auch wenn das jetzt eigentlich egal war, weil jetzt eigentlich alles egal war, aber sie wollte nicht vernünftig sein. Und sie wollte nicht nach vorne schauen, wie es ihr alle sagten, hinten war es viel schöner. Und sie wollte sich umdrehen und die Zeit zurücklaufen und sie wollte einfach nur auf ihrer Lieblingsbank sitzen und die Schaukel sehen und nicht nur die Rutsche und das von hinten. Sie wollte nicht, dass er ein buntes Eis aß und dass es Sommer wurde und warm und hell und sie wollte auf ihre alte Bank zurück, obwohl sie eigentlich vergessen wollte, was passiert war, aber sie wollte sich erinnern und ihr Gedankenkarussell drehte sich, drehte sich, bis ihr schwindelig wurde und es hörte nie auf. Sie fing an zu weinen.

Das Eis tropfte auf den Boden, als er sie vorsichtig an sich drückte. Sie klammerte sich an ihn, auch wenn sie wusste, dass er das eigentlich nicht mochte, es kümmerte sie nicht. Und sie bebte und wollte schreien, ja schreien, einfach nur schreien. Sie wollte zurück, einfach nur zurück. Sie wollte wieder träumen dürfen. Von lauten Spielplätzen und kleinen Fingern, die sich an ihren Daumen klammern. Und von winzigen Schuhen und Gute-Nacht-Geschichten, tausend Stofftieren, einer kleinen Stupsnase, mit der sie auch zufrieden gewesen wäre, wenn es keine Stupsnase geworden wäre, von Glückwunschkarten und diesem blöden Zimmer, auch wenn es grün und nicht rosa war.
Die Tränen klebten auf ihren Wangen und sie wollte weinen, weiterweinen, weil sie sonst nichts mehr zu tun hatte, aber sie war zu müde. Das Karussell in ihrem Kopf hielt an.

Sie wollte die Augen zumachen, aber das war so anstrengend, und sie starrte auf den Boden, auf die bunten Eistropfen auf dem Boden. Die beiden Farben waren verflossen, hatten sich vermischt, waren nicht mehr pistaziengrün und nicht mehr himbeerrosa. Aber sie dachte an das kleine, bunte Zimmer zu Hause. Und sie fragte sich, ob sie es nicht lieber weiß hätte.

18. Dezember 2017


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.