Marie Hummer – Nostalgie

Er kam und trug mich mit sich fort, in eine Welt, deren Gesetzmäßigkeiten mir noch heute fremd sind – und doch vertrauter als mein eigenes Kind. Sein Kind, dem ich von ihm erzähle und das mich nicht versteht. Seine Worte können nicht verstanden werden, er sprach sie nicht aus, um verstanden zu werden. Er sprach, um der Angst an Größe zu nehmen – dem Schicksal an Macht. Er litt unter seinen Gedanken und Leid spie er in kalten Worten aus. Und ich wollte ihn, wollte sein Leid, aus dem ich mir ein Brautkleid spann, noch bevor ich es verstand.

Er sprach wie in Trance. Schrie plötzlich auf. Beschuldigte die anderen: „ Ihr seid es doch! Ihr, die vergesst euch zu fragen wozu! Wozu? Ihr! Habt ihr so eine Angst vor dem Schlag? – Die Einsicht hat eine metallene Faust!“ Die Angst, die ich nicht kannte – er holte sie aus meinen Tiefen hervor. Nachts im Bett, aneinander gepresst im Kokon unserer Leintücher, spürte ich sie. Sie brannte. Verbrennende Gedanken – ich wusste, er würde mir raten, ihr einen Namen zu geben. Sie anzuerkennen. Ich sträubte mich, konnte mich nicht wie er von der Wirklichkeit verwunden lassen. Ich warf meinen Schild nicht ab. Der Mut bliebe ohne Lohn.

Er kannte die Wirklichkeit und sie war ihm doch nicht vertraut genug, dass er sich aus dem Zwang gewunden hätte und ihr gefolgt wäre. Seine Gedanken gehörten ganz ihr, doch wäre sein sicherer Tod gewesen, nach ihr zu handeln. Er blieb Bruchstück der Gesellschaft – so wie ich – und wir weinten oft Tränen aus Stahl. Sie waren spitz und zerschlissen unsere Handflächen bis wir nichts mehr greifen konnten und jede Tätigkeit, die anderen das verlieh, was sie dann als Zufriedenheit benannten,  blieb uns verwehrt. Er zog mich mit sich ohne, dass ich verstand. Er ergriff mein Herz und warf es zu dem seinigen in die Tiefen und vergaß meinen Verstand, sodass ich nie zur Einsicht kam. Ich kämpfte den unerbittlichen Kampf gegen die unbenannten Gefühle, die mich in den Wahnsinn trieben. Er hatte sie ausgelöst und ich war zu schwach gewesen, ihnen nachzugehen.

Arm in Arm Hals über Kopf in den Abgrund. Ich war blind – Küsse vernetzten die Bilder meiner Augen. Der Weg zurück ist Illusion – kann nur zur Möglichkeit werden, wenn ich mich von ihm, der alles in seiner Wirklichkeit, wenn auch nicht zu wissen, zu erahnen schien, bereit wäre zu lösen. Rettung. Ich verzichte auf sie. Sie gibt mir Normalität, die ich nicht ertrage. Ich verlasse ihn nicht, ich verließe mein Herz – ein zu hoher Preis, um wieder zu fühlen, was mein Verstand zu fassen weiß.

 

25. Dezember 2017


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