Nicole Hollmann – Flüchtiger Blick

Kaum merklich lasse ich mich auf den kalten Platz am Fenster gleiten. Es ist ein schlichter farbloser Tag; Einer, der unscheinbar vor meinen Augen vorüberzieht und am schlaflosen Abend ernüchtert die Stunden reflektieren lässt. Achtlos lasse ich meine Tasche auf den Platz neben mir fallen. Es durchbricht die lauernde Stille. Ich ernte den stirnrunzelnden Blick eines zusammengekrümmten Mannes, welcher sich einige Reihen vor mir in einem weiten Pullover vergräbt. Für den Bruchteil einer Sekunde starren wir uns an, bis er wegsieht und mich in meiner klebenden Müdigkeit zurücklässt. Gähnend erwäge ich einen Schluck des schwarzen billigen Espressos in meiner Hand zu trinken; entscheide mich jedoch schnaubend dagegen und blicke stattdessen lustlos hinaus aus der verdreckten Fensterscheibe. Wie durch ein Schaufenster betrachte ich die Außenwelt. Die Welt wirft schweigend ihr Abbild zurück: zeigt mir das Bild einer tristen Wolkendecke, die den Himmel verhängt und dabei die hellen Farben der vorbeirauschenden Hausfassaden erdrückt.

Ich lehne die Stirn an das Glas. Träge fließen meine Gedanken in ihren Bahnen. Mir scheint ich wage keinen Sprung, keinen einzigen Versuch eines Ausbruches aus einem eingestaubten Leben. Wo sind die abenteuerlichen Begegnungen? Wo bleiben die halsbrecherischen lebensfrohen Ideen, welche mich aus dem klebenden Netz eines eingesessen Ablaufes retten? Ein müdes Lächeln huscht über meine Lippen. Wir verlieren den Reiz, wir verlieren den Mut, wir verlieren die Kraft. Welche Nacht lag ich nicht schon wach und ließ mir in meinem privaten Kopfkino die Ausführungen eines erfüllten Lebens vorspielen? Die eigentliche Realität betrachtend bin ich ein Träumer. Ein Taugenichts, gefangen in einem unendlich währenden Stau, welcher sich seit Jahren über tausende von Kilometer erstreckt. Zäh wie Kaugummi. Und dabei undurchdringlich wie Beton.

Hustend reiße ich den Kopf herum und verziehe das Gesicht. Meine Kehle scheint ausgetrocknet; dennoch bin ich beharrlich und halte dem Flehen nach dem bitteren Wasser stand. Zumindest das kann ich. Die Bahn hält an einer Haltestelle und lässt fröstelnde Menschen in das Innere huschen. Mit hochgezogenen Schultern fallen sie auf die einsamsten Plätze, darauf bedacht jeglichen menschlichen Kontakt zu vermeiden. Ich beobachte sie. Versuchen sie sich hinter einer nicht vorhandenen Wand zu verstecken; sich vielleicht sogar von einer von Widerwillen geprägten Gesellschaft zu schützen? Schweigend ziehen sie alle ihre Telefone heraus; erwecken den Anschein in vollkommen gewollte Geschäftigkeit versinken zu wollen. Ich lehne mich vor, versuche ihre Blicke auf mich zu lenken. Doch sie weichen mir aus. Es gleicht einer tiefen Einsamkeit, einer Kälte, die zwischen uns schwebt. Mauern, die mühseliger Arbeit entsprungen sind und nun jeglichen Kontakt unterbinden.

Es wird der Tag kommen, an dem ich diesen Zustand vielleicht für mich selbst beenden werde. Ich werde aus dem Auto steigen und über die Barrikaden der Autobahn dem Stau entfliehen. Ich werde es hinter mir lassen. Diese Isolation, diese Stille.

Neben uns hält eine in die entgegengesetzte Richtung fahrende Bahn. Doch außer mir scheint es kaum einem auffallen zu wollen. Dennoch beäugen sich einem Zoo gleich die wenigen müden Seelen durch das Glas; ohne Recht zu wissen, was sie sich davon erhoffen. Ich bin bemüht wegzusehen als sich plötzlich unsere Blicke kreuzen. Mir zugewandt sitzt eine junge Frau in einem braunen Mantel und einem dicken weißen Schal, welcher die Zierlichkeit ihrer Figur nur erahnen lässt. Gleichermaßen sind ihre Finger um einen Kaffeebecher geschlungen, während sie mir einen flüchtigen Blick zuwirft. Und diesmal spüre ich diese Lebendigkeit. Ich sehe sie innerlich vor mir, höre in meinem Ohr ihr ausgelassenes Lachen und spüre die Wärme ihres Körpers, der sich dicht an mich schmiegt. Wir sehen uns an. Wir sehen die innerlichen Kämpfe und diesen Drang eines Ausbruches. Wir sehen uns selbst. Ich erkenne mich in dem müden Ausdruck ihres Gesichtes wieder, aber sehe auch die Leichtigkeit die sie umgibt. Sie ist natürlich. Sie ist nicht hinter einer dicken Mauer versteckt. In einer gespannten Stille flimmert die Luft vor meinen Augen. Ihre Lippen verziehen sich zaghaft zu einem Lächeln. Sie spürt es auch. Ihr ergeht es doch genauso. Herausfordernd legt sie den Kopf schief, wendet den Blick keinen einzigen Wimpernschlag über von mir ab. Ich fühle ihren Ruf in meinem Inneren wiederhallen. Schmerzlich zieht sich meine Brust zusammen, während gleichzeitig ein ungeheurer Druck von mir weicht. Ich bin nicht der Einzige. Mit einem Mal verlässt mich die Trägheit. Ich will sie fragen wie sie heißt. Ich will durch die Türen rennen, um die Bahnen herum zu ihr. Ich will mit ihr all die vergessenen Straßen und Seiten der Stadt erkunden, ihrer Stimme bis in die Nacht ihrer fremden Stimme lauschen. Ich will sie zum Lachen bringen, um das Helle in meinem Ohr widerklingen zu lassen. Ich will mit ihr all dem hier entfliehen. Wir sehen uns an. Die Bahnen würden sich jeden Moment wieder in Gang setzen. Jeden Moment würden wir uns wieder in dem Meer des eintönigen Staus verlieren. Ich bin hin und her gerissen. Mein Blick fällt auf die Menschen. Sie würden dem niemals ein Ende setzen. Ich richte den Blick auf den Kaffeebecher in meinen Händen.

„Warte!“

8. Januar 2018


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