Anna Bilek – Das Lied

Meine Kopfhörer sind in meinen Ohren, volle Lautstärke, ich sitze in der Straßenbahn. Häuser ziehen an mir vorüber. Ich höre dieses Lied und fühle mich geborgen. Warm eingepackt. Wie in Watte. Sicher. Denn ich werde dich noch zwei Jahre lang jeden Tag sehen können. Ich fühle mich gut, ich fahre zu dir. Bin auf dem Weg zu dir und grinse. Die Straßenbahn ist voll von verschlafenen, müden Gesichtern, aber ich grinse, weil ich dich bald sehen werde. Mein Herz schlägt schnell und ich freue mich. Auch wenn ich dich nicht mehr allzu lang haben werde, reicht es aus, um mich nicht mit dem Abschied beschäftigen zu müssen. Denn der ist noch ganz weit weg, sage ich mir immer. Das dauert noch seine Zeit, denke ich immer. Ich habe noch ausreichend viele Stunden mit dir, versuche ich zu verinnerlichen.

Das Lied, das ich höre, erinnert mich an dich. Nicht unbedingt, weil der Text des Liedes von der großen Liebe handelt oder mich in jeglicher Art an dich erinnert, sondern weil ich dieses Lied immer in der Früh höre, wenn ich zu dir fahre. Quasi ein Ritual. Nach einiger Zeit assoziiere ich es mit dir und denke im Nachhinein an unsere Erlebnisse. An alle die schönen Momente, die wir zusammen erlebt haben. Sie spielen sich in meinem Kopf ab wie ein Film, ich habe kein einziges von ihnen vergessen. Es könnte jedes beliebige Lied sein, wahrscheinlich hat mir dieses nur besonders gut zu der besagten Zeit gefallen. Dieses Lied wird nie langweilig für mich, es löst in mir jedes Mal diese starken Gefühle aus und mein Körper wird in einen Ausnahmezustand versetzt: mir wird heiß und kalt gleichzeitig, ich habe Bauchschmerzen, ich kann die Leute um mich herum nicht mehr erkennen, Geräusche nehme ich auch nicht mehr war. Ich sehe nur mehr dich in meinen Gedanken und hoffe, dass das Warten bald ein Ende hat und du schnellstmöglich vor mir stehen wirst. Wahrhaftig vor mir stehen und nicht mehr nur Protagonist meiner Gedanken sein wirst. Dieses Lied bedeutet derart viel für mich, weil ich dich damit zu mir holen kann – wann immer ich will. In der Realität geht das nämlich nicht so einfach. Da bist du ganz weit weg, sowohl körperlich als auch mental bist du unerreichbar.

Das Problem, das sich momentan für mich ergibt, ist die Tatsache, dass nun ein Jahr verstrichen ist. Ein Jahr lang habe ich jeden Tag dieses Lied gehört und mich in jeder Millisekunde der 3 Minuten und 26 Sekunden, die das Lied lang ist, auf dich gefreut. Das Abschiednehmen ist jetzt – ein Jahr später – nicht mehr ganz so weit weg. Es ist aber doch noch weit genug weg, um es ausblenden zu können, sage ich mir zwar immer noch, aber ich weiß, dass dies nicht mehr der Realität entspricht. Das dauert noch seine Zeit, versuche ich mir immer zu denken. Ich habe noch ausreichend viele Stunden mit dir – dieser Gedanke lässt sich mit meinem Inneren leider nicht mehr so gut vereinen, wie vor einem Jahr. Denn die Hälfte der Zeit ist verstrichen, es bleibt mir nur mehr ein Jahr mit dir. Aus zwei wird eins. Aus eins bald keins. Ich denke an die Erinnerungen zurück, die ich mit diesem Lied vor einem Jahr verbunden habe, die mich gewissermaßen mit dem Lied verschmelzen ließen. Aber ich kann bei diesem Lied jetzt nicht mehr glücklich sein. Denn ich weiß, dass das freudige Wiedersehen nicht mehr so oft vorkommen wird. Dass ich mich langsam mit dem Abschied auseinandersetzen muss.

Das ging vor einem Jahr noch besser, da war dieses Thema ganz weit weg. Aber jetzt ist es nahe, zu nahe, ich fühle mich bedrängt, ich kann das Ende schon sehen. Ich sehe es vor mir, zwar noch aus sicherer Entfernung, aber ich kann es doch erkennen. Jeden Tag werde ich gezwungen, mich ihm zu nähern. Ich werde näher dorthin gezogen, obwohl ich mich wehre. Ich kämpfe dagegen an, aber ich kann es nicht umgehen. Das merke ich jeden Tag intensiver. Im Endeffekt komme ich dort an. Verletzt oder nicht, ich werde dort ankommen.

Es fiel mir leichter, dieses Lied zu hören, als alles noch nicht so weit fortgeschritten war. Als ich noch glücklich sein konnte und wusste, dass ich dich noch zwei Jahre lang sehen werde. Der Kontakt war gesichert, du wirst nicht plötzlich weg sein. Das wusste ich damals. Jetzt aber verbinde ich dieses Lied mit Verlust und Trauer. Es gibt mir dennoch die Hoffnung, dass es wieder wie früher werden könnte. Dass ich dich doch noch länger sehen werde können. Ich klammere mich an dieses Lied und will die Zeit von früher zurückholen. Die Zeit um ein Jahr zurückdrehen können. Jetzt höre ich mein Lied, unser Lied und werde traurig. Erinnere mich gerne zurück an die Zeit, in der alles noch gut war, 365 Tage zurück, aber es ist trotzdem nicht dasselbe. Ich habe ein schweres Gefühl im Magen, mir wird schlecht. Generell fühlt sich mein ganzer Körper taub und schwer an. Gleichzeitig spüre ich, wie meine Augen ganz feucht werden und ich nur mehr verschwommen sehen kann. Aber richtig weinen, wie ein Wasserfall funktioniert gerade nicht. Meine Tränendrüsen scheinen eingetrocknet, ich habe schließlich schon so oft meinen Kummer durch Schluchzen zum Ausdruck gebracht. Vielleicht will mein Körper auch einfach nicht mehr.

Nach dem bedrückenden, aber zugleich tröstlichen Zustand, den das Erinnern mit sich bringt, der mich hoffen lässt, die Zeit doch um ein Jahr zurückdrehen zu können, holt mich in Wirklichkeit die knallharte Realität ein. Und dann merke ich wieder einmal, dass du bald weg sein wirst. Aber was werde ich dann machen? Ich weiß es nicht. Wie wird es nach diesem Jahr (mit mir) weitergehen? Das weiß keiner, weder du noch ich, aber ich am allerwenigsten. Das ist beängstigend. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich dieses Lied nie wieder mit positiven Gefühlen verbinden kann, weil es für mich auf ewig mit Verlust verbunden ist. Vor allem nach diesem Jahr werde ich mich nicht einmal mehr freudig zurückerinnern können, denn dann bist du ja wirklich weg. Jetzt habe ich dich ja noch, wenn auch nur kurz, kürzer als vor einem Jahr und kürzer als mir lieb ist, aber ich habe dich noch. Man kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Ich werde dir nie wieder mit so einer Leichtigkeit und Freude begegnen können, wie vor einem Jahr. Jetzt bin ich durch Trauer bestimmt. Werde nie wieder behaupten können, dass ich dich ohnehin noch einen gewissen Zeitraum zu Gesicht bekommen werde.

Ich glaube, ich werde einfach weiterfahren. In der Straßenbahn. Mit Musik in den Ohren und an dich denken. Aber es wird nie wieder wie früher sein. Diese Zeit ist vorbei. Ich werde dich verloren haben.

15. Januar 2018


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