Hannah Oppolzer – Das Geräusch der Stille

Es war dieses zarte, unaufhörliche Geräusch der Stille, das ihn dazu veranlasste, stehen zu bleiben. Der Schnee zu seinen Füßen hatte sich über Nacht in eine körnige Masse verwandelt und rechts von ihm lagen Reste eines von Kindern gebauten Schneemanns; der schwarze Hut, die von Tieren angeknabberte Karotte, der von einem ledernen Mantel stammende Knopf mit vier Löchern für das Garn. Die kleinste Kugel, der Kopf des Schneemanns, war durch eine Windböe, die am Nachmittag in das Tal gekommen war, ein wenig von den anderen beiden entfernt worden und lag abseits.
Nach dem Schneespielen waren die Kinder von ihrer Großmutter mit dem Mittagessen verwöhnt worden und hatten später vergessen, nach dem Schneemann zu sehen, der, mittlerweile in seine Einzelteile zerbrochen, auf der bröckeligen Schneedecke lag.
Der Mann tat nichts. Seine Augen huschten über den Schneemann, dann wanderten sie weiter, die in den Himmel schneidenden Bergketten, bestäubt mit Schnee, der Nachthimmel und die Sterne, gleich winziger Sonnen.
Es war vollkommen still. Sogar die Windböe hatte das Tal wieder verlassen und die Tannen und Kiefern in einer schweren Starre zurückgelassen. Dennoch war ihm, als vernehme er ein Geräusch, nicht den Wind, nicht das Flattern der Vögel, die ihre gefiederten Körper in den Baumkronen schutzsuchend aneinander rieben, nicht das Fallen der Schneeflocken, denn das hatte sich am frühen Abend eingestellt.
Nein, es war etwas Anderes, ein süßlicher und zugleich berauschender Klang, den er schon sehr lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte.
Es war das zarte, unaufhörliche Geräusch der Stille, das ihn dazu veranlasst hatte, stehen zu bleiben, das ihn auf den zerfallenen Schneemann aufmerksam gemacht hatte und das ihm ein Bild von im Schnee spielenden Kindern vor die Augen gezeichnet hatte.
Freilich wusste der Mann nicht, wer die Kinder waren oder ob es überhaupt Kinder gewesen waren, die den Schneemann gebaut hatten. Aber er sah die unter der neuen Schneedecke kaum noch auszumachenden Fußabdrücke und plötzlich kam ihm in den Sinn, wie viele Dinge auf dieser Welt passieren, ohne, dass er eine Ahnung davon hatte und wie viele Menschen ihr eigenes Leben führten, wie viele unterschiedliche Welten hinter jeder Haustür verborgen waren.

Der Mann tat nichts. Er existierte und nahm alles um sich wahr, den Geruch nach von Schnee bedeckten Tannennadeln, das Gefühl bitterer Kälte, die sich in seine Atemwege fraß.
Einer der Knöpfe des Schneemanns lag direkt neben seinem rechten Fuß. Er hatte sich vom Ledermantel des Vaters der Kinder gelöst und war wochenlang durch das Haus gewandert. Anfangs war er neben dem Hutständer liegen geblieben, bis ihn der Kehrbesen in die Ecke des Wohnzimmers geschoben hatte. Anschließend war er mehrmals vom Hund der Familie interessiert beschnüffelt worden, bis ein sanfter Lufthauch von der Haustür ein Origami in Form einer Schneeflocke vom Fenster geweht hatte. Dieses war neben dem Knopf gelandet und hatte ihn um ein paar Zentimeter verrückt. Doch diese paar Zentimeter hatten veranlasst, dass der Knopf nun neben dem Puppenteller der Jüngsten lag, welche ihn aufgehoben und als Spielzeug verwendet hatte. Vom Wohnzimmer aus war er ins Kinderzimmer übersiedelt, bis er schließlich bei der langen Suche nach Materialien für den Schneemannbau als geeignet empfunden wurde und von der Jackentasche des Buben an dem runden Schneemannbauch befestigt worden war.
Der Mann setzte seinen Spaziergang fort und die kleine Geschichte eines Schneemanns und eines Knopfes wurden von der Stille der Natur, die jetzt durch das Knarzen der Schuhsohlen des Mannes durchbrochen wurde, bewahrt.

Die Schuhe hatten nicht immer ihm gehört. Ganz zu Beginn waren sie der Lebensunterhalt eines kleinen Buben in Bangladesch gewesen. Schuhe hatten sie zahlreiche hergestellt, in der Fabrik im Westen des Landes, in welcher der Bub seine gesamte Kindheit verbracht hatte. Die Zeit hatte Spuren auf seinen feingliedrigen Fingern hinterlassen und der spazierende Mann hatte sich über das Angebot dieser Schuhe gefreut und sie gekauft.
Aber all dies wusste er nicht. Er wusste nichts von den Kindern, von der Reise des Knopfes und von dem Buben, der seine Schuhe hergestellt hatte. Er hatte bloß den Schneemann und den Knopf gesehen und das Knarzen seiner Schuhe wahrgenommen und es aufregend gefunden, dass hinter jedem Gegenstand Geschichten lauern.

In der Ferne leuchteten die Lichter des schlafenden Dorfes, die flimmernden Straßenlaternen und der schwache Schein der Lampe einer alten Frau, die in ihrer Dachkammer saß und nicht schlafen konnte. Zum Abendessen hatte es Eintopf gegeben, von dem sie nur wenige Bissen genommen hatte. Jetzt strich sie sich die grauen Haare aus dem Gesicht und setzte sich an den Schreibtisch.
Heute Morgen war sie da gewesen. Sie hatte sie gefunden, als sie ihre Enkelin von der Schule abgeholt hatte, aber das Gelächter und die Erzählungen des Mädchens hatten sie verschreckt und sie war verschwunden und hatte sich dann nicht mehr offenbart. Die Idee.
All ihre Romane basierten auf einem spontanen Einfall. Nur jetzt war sie fort. Vertrieben von der Realität und die alte Frau wusste, dass sie heute Nacht nicht wiederkommen würde, dennoch setzte sie sich an den Schreibtisch und starrte auf die leeren Bögen Papier vor ihr.

So weiß wie der Schnee, der unter den Schuhsohlen des spazierenden Mannes knirschte. Er betrat die ruhenden Gassen der Stadt und passierte ein Haus mit einer dunkelrot angestrichenen Tür, welche ein Mistelzweig zierte, mit einer silbernen Masche zusammengebunden, von der Mutter der Kinder, die am Tag zuvor den Schneemann gebaut hatten.
Der Mann wusste nicht, dass hier die Kinder lebten, die den Knopf, der wochenlang unbemerkt durch das Haus gewandert war, für den Schneemann am Hügel benutzt hatten.
Er wusste nicht, dass die Schriftstellerin einige Straßen weiter mittlerweile ein paar Worte geschrieben hatte, da die Idee sich ihr offenbart hatte. Vielleicht war sie durch den Schornstein gerutscht und vom Wohnzimmer aus unter der Türritze zu der alten Frau gekommen, die in diesem Moment begonnen hatte, ihre siebten Roman zu schreiben.

Letzte Nacht hatte der Bub aus Bangladesch auf dem Fußboden neben einer Feuerstelle geschlafen und nicht mehr über die Schuhe nachgedacht, die er Monate zuvor angefertigt hatte. Seine Mutter hatte über sein Haar gestrichen und ihm schöne Träume gewünscht. Beide hatten kein Bild von dem Mann vor Augen, der die vor Monaten produzierten Schuhe mit Freude gekauft hatte.

Der Mann betrat sein Haus, in welchem die Nacht atmete wie ein mächtiges Tier. Er erklomm die mit einem Teppich ausgelegten Stiegen und konnte nicht ahnen, dass sich im Wald wieder Stille verbreitet hatte, dass eine erneute Windböe ein paar Minuten nach Mitternacht das Tal heimsuchen und den Knopf um ein paar Meter verwehen würde.
Die Uhr schlug elf Uhr nachts, als der Mann sich neben seine Frau in das Ehebett legte und ihr einen Kuss gab, als eines der Kinder, die im Haus mit der roten Tür und dem Mistelzweig wohnten, gerade von einem Schneemann mit einem schwarzen Hut, einer noch nicht von Tieren angeknabberten Karotte und dem von einem ledernen Mantel stammenden Knopf mit vier Löchern für das Garn träumte.
Im selben Moment erschuf die alte Schriftstellerin einen Charakter, von dem der Vater mit dem ledernden Mantel, von dem ein Knopf abgefallen war, seinen Kindern später vorlesen würde; der Bub in Bangladesch stellte ein weiteres Paar Schuhe her und der Mann sah von seinem Bett aus in den Nachthimmel, der sich hinter der Jalousie abzeichnete, während der Schlaf in seine Glieder kroch.
Er lauschte den gleichmäßigen Atemzügen seiner Frau, die jede Nacht neben ihm schlief, dachte an seine Kinder, die erwachsen waren und ihr eigenes Leben führten und begriff in diesem Moment, dass sein Leben voller Wunder war.

Er hatte sich in dieser Nacht in das Leben verliebt. In all die kleinen Dinge, die sich überall versteckt halten und die verschiedenen Welten, die hinter jedem Gegenstand und jeder Haustüre verborgen sind. Der Mann schlief zufrieden ein, und irgendwo am anderen Ende der Welt erwachte jemand und dachte sich, ohne zu wissen warum, dass die Welt für ihn noch nie so wunderbar gewesen ist, wie am heutigen Tag.

5. Februar 2018


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