Marie Hummer – Danach nichts

Er nahm einen Schluck, kniff angewidert seine dunklen Augen – kleine Krater in dem fahlen Bubengesicht – zusammen und gesellte sich, das Glas verkrampft, beinahe abwehrend, vor der schmalen Brust haltend, zu einer Gruppe junger Mitarbeiter eines Partnerunternehmens im Ausland, die sich derart ungezwungen und euphorisch an der fast peinlich überdimensionierten Wein- und Schnapsauswahl bedienten, als feierte man das Ende der Prohibition. Die Frau, neben die er sich stellte, wirkte sehr jung, keine Schönheit, ihre Züge eher grob. Kurz zuvor hatte ich mit ihr in Ermangelung einer Alternative ein paar leere Floskeln ausgetauscht und lediglich ihre seltsam groß geratenen Zähne in Erinnerung behalten, doch ihr Haar glänzte seiden und sie hatte eine Figur, der hier in nördlicheren Gefilden etwas Exotisches anhaftete. Er hatte sich zu knapp und ohne jeglicher Asymmetrie seiner Hüfte dicht an sie gestellt, eine Position, die ihm schon nach wenigen Sekunden entweder zu steif oder zu gewagt schien und so verlagerte er sein Gewicht auf das rechte Bein, um neben Lässigkeit ein wenig Abstand zu gewinnen, sodass ihr hübsches Haar nicht mehr seine Schulter streifte.

Ich platzierte meinen rechten Fuß, der in einem ekelerregend sauberen, weil extra für jenen Abend erstandenen Lederschuh steckte, auf meinem linken Knie und starrte müde aus dem Fenster in die leere Nacht, deren Finsternis die Lichter der Stadt kläglich zu durchbrechen suchten. Der Innenraum spiegelte sich nur schemenhaft in der Scheibe. Mein Blick ruhte erwartungslos auf der Silhouette der gegenüberliegenden Häuserfront.

Ich spürte eine Schulter, die gegen meinen Oberarm drückte, und da ich kein Interesse an jeglichen Gesprächen hatte, bis mir der teure Schnaps wenigstens den Anschein von Begeisterungsfähigkeit verlieh, wandte ich mich, erst nachdem der Druck auf meinen Arm unbeeindruckt von meiner ignoranten Abwesenheit nicht nachzulassen schien, etwas gequält vom Fenster ab, um widerwillig auf meine linke Seite zu schauen.

Ich erblickte das androgyne Gesicht einer jungen Frau, doch gegen meine Erwartung erwiderte sie nicht auffordernd meinen Blick, sah starr und doch ohne zu fokussieren in den mit teurer Kleidung und sich an Penetranz überbietenden Düften gefüllten Raum – gerade so als wartete sie darauf, dass dieser, blieben ihre Pupillen möglichst bewegungslos, zu sinnentleerten Farbflächen verschwamm.

Ich stand auf, wollte mir eine neue Sitzgelegenheit suchen, die mehr Einsamkeit versprach, doch sie legte ihre Hand auf meinen Rücken und bat, als ich mich umdrehte, ich solle ihr dasselbe mitnehmen. Genau dasselbe. War ich ernsthaft, wenn auch beinahe unmerklich, gekränkt, dass sie von mir erwartete – hatte ich doch gerade erst einsam ein Glas geleert –, ich würde im Alleingang Nachschub holen? Ich war nicht weniger spießig als die anderen, wollte während ich mich alleine betrank einen noblen Schein wahren. Ich befüllte zwei Gläser, diesmal ohne mir die Mühe zu machen, das Etikett auf der Flasche zu lesen.

Es handelte sich um einen trockenen Rotwein und wir tranken ihn in großen eleganten Schlucken, während wir uns in Ruhe Zeit nahmen, über auserwählte Personen zu urteilen. Sie erfand wunderbar komische Charaktere und als sie bei dem Mann neben der Frau mit dem seidenen Haar angekommen war, kicherte ich hysterisch. Der Wein war mir zu Kopf gestiegen. Endlich. Ich war erleichtert, doch konnte ich nicht meinem ursprünglichen Vorhaben nachgehen, mich dann, wenn es mir mein Pegel erlaubte, zu möglichst vielen der wie ausgezählt perfekt bemessenen Gruppen zu gesellen.

Wir gingen auf die Terrasse und ich zündete mir eine Zigarette an. Der Rauch verlor sich im dunklen Staub der Großstadt und alles war dunstig unklar – bloß ihr Profil wurde von der Leuchte neben der Terrassentür scheinwerferhaft schräg beschienen. Das scharfe Licht zerfiel, unterstrich, gebrochen wie durch einen Kristall, ihre malerisch weichen Züge.

Ich folgte ihrem Blick und beobachtete wie sie ein dunkles Stück Stoff, das sich an einer Satellitenschüssel verfangen hatte und nun, als einziger Hinweis auf den leichten Wind einer frühherbstlichen Nacht, wie eine Fliege im Spinnennetz zuckte. Sie lehnte sich weiter nach vorne, sodass ihre Unterarme ganz auf dem Geländer auflagen und ihre Haltung beflügelte meine Fantasie, die sich von Zeit und Raum zu lösen pflegte und so sah mein inneres Auge mich selbst stattlich mit grauem Bartwuchs und rechts von mir sie – unverändert, doch noch klarer, noch plastischer, im grellen Tageslicht, das von den Wellen und dem Weiß des Schiffes reflektiert wurde – während über meinen linken Arm zittrig meine Mutter strich, mir so vertraut und leise, dass ihre dünne Stimme beinahe als leises Pfeifen, als Echo des Windes, unterging, zuraunend, ich sollte das Segel straffen, es peitschte im Wind.

Plötzlich öffnete sie ihre rechte Hand und spreizte die Finger ekstatisch während sie gespannt hinabschaute. Ich folgte ihrem Blick und sah gerade noch, wie das Glas auf dem Beton in unzählige Teile zerschmetterte.

Schmerzvoll losgelöst von der Reling meines Schiffes, jener herrlichsten Verbindung von Nostalgie und Vision, sah ich sie erschrocken an. Sie hätte jemanden treffen können. Sie habe geschaut. Sie hatte nicht hinabgesehen, bevor sie es fallen ließ, ich hatte sie doch die ganze Zeit beobachtet. Wieso hatte sie es überhaupt hinab geworfen. Sie habe sehen wollen, wie lange es brauchte. Bis es unten zerbrach? Bis es unten, von seiner Form befreit zu immer mehr kleinen Teilen zerfallend, Teil des Nichts würde. Ich erkannte die euphorische Leichtigkeit der befremdlichen Stimme, mit der sie sprach, und empfand Beklemmung.

Ich entschuldigte mich und suchte in leichtem Schwindel – einem Gemisch aus Wein, Schnaps, ihrer weichen Züge und dem zerschellenden Glas – die Toilette. Die Tür hinter mir schließend, hörte ich einen Schrei, dem dicht viele weitere wie ekelhafte Echos zuerst noch eindeutig versetzt und dann immer enger folgten. Ich öffnete langsam wieder die Tür, ging auf die Terrasse, suchte eher überflüssigerweise zwischen den rufenden Menschen nach ihr, um dann deren ausgestreckten Armen, die wie Pfeile die Nacht durchbohrten, zu folgen. Ich sah hinab. Alle Autos hatten angehalten, auf keiner Spur Bewegung, die Passanten wandten sich ab, ihre Kinder mit dem Gesicht an ihre Schenkel gedrückt. Taschen lagen am Asphalt, Anzüge liefen zu der Stelle. Und auf dieser Stelle, im Zentrum dieses Zirkus, dieser sich wie verrückt gebärdenden Materie, war nichts.

19. Februar 2018


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