Hannah Oppolzer – Sternensammler

Ich sammle Sterne, pflücke sie vom Himmel, lege sie in mein Kästchen und schließe es ab.

Ich sammle funkelnde Sterne, pflücke sie vom nachtblauen Himmel, lege sie in mein altes Kästchen und schließe es ab.

Ich sammle ruhelos funkelnde Sterne, pflücke sie sorgsam vom nachtblauen Himmel, lege sie bedächtig in mein altes Kästchen und schließe es geschwind ab.

Ich sammle heute, ich sammle morgen, ich sammle jetzt und immer weiter; ich pflücke sie flink, ich pflücke sie ehrfürchtig, ich pflücke sie voller Stolz und manchmal weinend; lege sie in mein Kästchen und schließe es ab, eifrig, jede Nacht.

Das Kästchen ist mein, das alte Kästchen mit dem rostigen Schlüssel; ganz allein mein.

Ich sammle Sterne, wie andere Murmeln, wie Briefmarken, wie Steine, wie Muscheln.

Das Kästchen ist mein, ganz allein mein.

Ich sammle unerbittlich Sterne, pflücke sie hastig vom Himmel, lege sie sofort in mein Kästchen, einmal verschließen, zweimal, dreimal, ich setze mich auf das Kästchen, verschränke die Arme, sehe mich um…

…und ich bewache sie, meine Sterne, die ich gesammelt habe.

Und ich sitze und sitze, ich bewache und wache… meine Sterne. Mein Kästchen, meine Sterne. Alles, alles, ALLES mein.

Heute Nacht gehe ich wieder nach draußen, während die Welt schläft. Voller Mond auf tiefblauer Himmelsfläche. Um ihn herum sanftes silbernes Licht, als sickere es aus ihm. Wie ein Punkt aus Millionen von Silberfasern, der auf der dunklen Himmelswölbung festklebt. Ich strecke meine Hand aus und will den Mond erreichen, will seine silbrige Flüssigkeit auf meine Handfläche tropfen spüren, will Teil seines andächtigen Glanzes werden. Ich klammere mich an diese Sehnsucht, als ließe der Mond hauchzarte Fäden in Form einer Strickleiter zur Erde hinab, anhand welcher ich mich in den Himmel ziehen könnte.

Ich bin mir der Unmöglichkeit dessen nicht bewusst und dennoch…

Nein, vielleicht gerade deshalb greife ich nach den herabfallenden Seilen und schwinge mich hoch, weit hoch, immer höher, höher, höher, immer weiter, weiter, weiter…

Völlig übermannt falle ich in einen seichten Schlaf.

Als ich wieder aufwache, ist es um mich herum finster. Ein banges Gefühl der Angst bemächtigt sich meiner, denn ich kann nichts sehen, nichts spüren, ich weiß nicht einmal, wo oben und wo unten ist, hier ist alles irgendwie… verdreht und auf den Kopf gestellt.
Und das Licht fehlt, ja genau, das Licht fehlt, das funkelnde Glitzern der Sterne des Nachthimmels, das mich meinen Lebtag stets begleitet hatte, wenn ich mich nachts aufmachte, die Sterne zu suchen. Das Licht fehlt, ja genau, das Licht fehlt.
Der Himmel ist leer. Das fällt mir jetzt erst auf. Und als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann ich einzelne Wolkenfetzen durch die Luft schwirren sehen, aber das ist auch schon das Einzige, was sich hier so herumtreibt. Der Himmel ist leer. All die Sterne – wie weggeblasen!

„WER WAR DAS?“, schreie ich. „WER HAT MIR ALL MEINE STERNE GERAUBT, DIE ICH NOCH PFLÜCKEN WOLLTE? WER?“

Aber da ist niemand. Absolut niemand. Nur ich. Nur ich bin da. Und es gruselt mich. Ganz zittrig werde ich und Gänsehaut befällt meinen Körper, lässt sich wie winzige Krater auf meiner Haut nieder und jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Noch nie habe ich mich allein gefühlt in der Nacht. Und es ist ein seltsames Gefühl. Es ist, als würde es mir vor Augen führen, wie einsam ich doch eigentlich bin. Wie klein, wie schmächtig, wie schwach, wie unwesentlich für diese Welt.

Ich klettere die Strickleiter wieder hinab zur Erde. Ich sehe nicht nach oben, nicht in den Himmel, denn ich will nicht sehen, was ich sehen muss, ich laufe eilig in mein Heim und hole mein Kästchen aus dem Schrank. Es ist größer geworden.

Das freut mich.

Ich stelle es auf meinen Teppich und setze mich darauf. Verschränke die Arme, sehe mich um und bewache mein Kästchen. Bewache meine Sterne. In Zeiten wie diesen ist das von oberster Wichtigkeit. Ich muss mein Hab und Gut emsig bewachen und vor anderen beschützen, die es mir wegnehmen wollen, obwohl es ihnen nicht zusteht. Ich muss es verteidigen und ich muss mich verteidigen, denn dieses Leben ist ein Kampf und wer es leben will, muss kämpfen.

„IHR WERDET MIR NICHT NOCH EINMAL MEINE STERNE STEHLEN!“, rufe ich. „Wagt es ja nicht!“

Aber niemand kommt. Niemand kommt, um mir meine Sterne zu stehlen, niemand kommt, um es wenigstens zu versuchen. Ich bleibe trotzdem sitzen.

Aber irgendwann, da werde ich einsam und müde, ich sitze auf meinem Kästchen und blicke böse in die Welt. Ich bewache meine Schätze und verliere mich in meinem verknoteten, argwöhnischen Misstrauen, verliere mich in meinen skeptischen und selbstsüchtigen Gedanken, verliere mich in meinem besitzsüchtigen Handeln.

Eines Nachts wage ich es, in den Himmel zu blicken, doch er ist immer noch leer. Unter mir pulsieren meine Sterne, das Kästchen strahlt einen flimmernden Glanz aus und dann…

Dann… ganz… plötzlich… plötzlich denke ich, was, wenn ich die Diebin bin, wenn ich selbst die Sterne gestohlen habe…

Ich sammelte Sterne, pflückte sie vom Himmel, legte sie in mein Kästchen und schloss es ab,
ich sammelte funkelnde Sterne, pflückte sie vom nachtblauen Himmel, legte sie in mein altes Kästchen und schloss es ab, ich sammelte ruhelos Sterne, riss sie vom Himmel, versperrte sie in meinem Kästchen…

Bis ich das Kästchen öffne und seinen Inhalt in die Nacht schütte, all die Sterne, wie sie erglühen und erstrahlen, sie fliegen davon, in weite Nacht…

8. November 2018


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