Texte

  • Hannah Oppolzer – Sternensammler

    Ich sammle Sterne, pflücke sie vom Himmel, lege sie in mein Kästchen und schließe es ab.

    Ich sammle funkelnde Sterne, pflücke sie vom nachtblauen Himmel, lege sie in mein altes Kästchen und schließe es ab.

    Ich sammle ruhelos funkelnde Sterne, pflücke sie sorgsam vom nachtblauen Himmel, lege sie bedächtig in mein altes Kästchen und schließe es geschwind ab.

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  • Emil S. – Inversio

    Eine weite Wiese, hoch gewachsene Halme, schon vereinzelt beschlichen von Tau, obgleich noch tiefe Nacht, weil schon frostklirrende, winterlich geschwängerte Luft herbeigezogen, die bisher unverzagte Blüten überfällt. Dort wandeln, eine sanfte Erhebung hinüber und solides Terrain vorfinden, nachdem mit gehobenem Tritte Morastiges durchstrichen. Darin sich einfügen, also rücklings betten, sich zusammenziehen, einen Schauder empfinden, ertappt, weil gleichsam überfallen, verriegeln und einrasten, froststarr und steif. Hinauf ins Unermessliche starren, in den ungetrübten Glast der Gestirne, mit abgelegtem Auge, ebendort fixiert.

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  • Marie Hummer – Danach nichts

    Er nahm einen Schluck, kniff angewidert seine dunklen Augen – kleine Krater in dem fahlen Bubengesicht – zusammen und gesellte sich, das Glas verkrampft, beinahe abwehrend, vor der schmalen Brust haltend, zu einer Gruppe junger Mitarbeiter eines Partnerunternehmens im Ausland, die sich derart ungezwungen und euphorisch an der fast peinlich überdimensionierten Wein- und Schnapsauswahl bedienten, als feierte man das Ende der Prohibition. Die Frau, neben die er sich stellte, wirkte sehr jung, keine Schönheit, ihre Züge eher grob. (mehr …)

  • Emil S. – anleitung zur überwindung von unwesen

    dem nadelstreifkomplott
    das sitzfleisch braten

     

    dem kuriositätenraub
    die lunte zünden

     

    die spülwasserworte
    der faulgrube ausliefern

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  • Hannah Oppolzer – Das Geräusch der Stille

    Es war dieses zarte, unaufhörliche Geräusch der Stille, das ihn dazu veranlasste, stehen zu bleiben. Der Schnee zu seinen Füßen hatte sich über Nacht in eine körnige Masse verwandelt und rechts von ihm lagen Reste eines von Kindern gebauten Schneemanns; der schwarze Hut, die von Tieren angeknabberte Karotte, der von einem ledernen Mantel stammende Knopf mit vier Löchern für das Garn. Die kleinste Kugel, der Kopf des Schneemanns, war durch eine Windböe, die am Nachmittag in das Tal gekommen war, ein wenig von den anderen beiden entfernt worden und lag abseits. (mehr …)

  • Emil S. – Geschehnisse

    An der Garderobe eines Kasinos steht ein bejahrtes Pärchen in der Warteschlange, ihre Mäntel im abgewinkelten Arm abgelegt, präpariert also, um sie den überbeanspruchten und immer hektisch hin und her rennenden Garderobenfrauen über die Theke zu reichen. Da erkundigt sich die frisch – vermutlich eigens für die Unternehmung, dieses Kasino aufzusuchen – Blondierte bei ihrem Gatten, etwas berechtigt mit der Wortfolge: „Kommen wir gerade oder gehen wir?“ (mehr …)



  • Anna Bilek – Das Lied

    Meine Kopfhörer sind in meinen Ohren, volle Lautstärke, ich sitze in der Straßenbahn. Häuser ziehen an mir vorüber. Ich höre dieses Lied und fühle mich geborgen. Warm eingepackt. Wie in Watte. Sicher. Denn ich werde dich noch zwei Jahre lang jeden Tag sehen können. Ich fühle mich gut, ich fahre zu dir. Bin auf dem Weg zu dir und grinse. Die Straßenbahn ist voll von verschlafenen, müden Gesichtern, aber ich grinse, weil ich dich bald sehen werde. Mein Herz schlägt schnell und ich freue mich. Auch wenn ich dich nicht mehr allzu lang haben werde, reicht es aus, um mich nicht mit dem Abschied beschäftigen zu müssen. Denn der ist noch ganz weit weg, sage ich mir immer. Das dauert noch seine Zeit, denke ich immer. Ich habe noch ausreichend viele Stunden mit dir, versuche ich zu verinnerlichen.
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  • Nicole Hollmann – Flüchtiger Blick

    Kaum merklich lasse ich mich auf den kalten Platz am Fenster gleiten. Es ist ein schlichter farbloser Tag; Einer, der unscheinbar vor meinen Augen vorüberzieht und am schlaflosen Abend ernüchtert die Stunden reflektieren lässt. Achtlos lasse ich meine Tasche auf den Platz neben mir fallen. Es durchbricht die lauernde Stille. Ich ernte den stirnrunzelnden Blick eines zusammengekrümmten Mannes, welcher sich einige Reihen vor mir in einem weiten Pullover vergräbt. Für den Bruchteil einer Sekunde starren wir uns an, bis er wegsieht und mich in meiner klebenden Müdigkeit zurücklässt. Gähnend erwäge ich einen Schluck des schwarzen billigen Espressos in meiner Hand zu trinken; entscheide mich jedoch schnaubend dagegen und blicke stattdessen lustlos hinaus aus der verdreckten Fensterscheibe. Wie durch ein Schaufenster betrachte ich die Außenwelt. Die Welt wirft schweigend ihr Abbild zurück: zeigt mir das Bild einer tristen Wolkendecke, die den Himmel verhängt und dabei die hellen Farben der vorbeirauschenden Hausfassaden erdrückt.
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  • Marie Hummer – Nostalgie

    Er kam und trug mich mit sich fort, in eine Welt, deren Gesetzmäßigkeiten mir noch heute fremd sind – und doch vertrauter als mein eigenes Kind. Sein Kind, dem ich von ihm erzähle und das mich nicht versteht. Seine Worte können nicht verstanden werden, er sprach sie nicht aus, um verstanden zu werden. Er sprach, um der Angst an Größe zu nehmen – dem Schicksal an Macht. Er litt unter seinen Gedanken und Leid spie er in kalten Worten aus. Und ich wollte ihn, wollte sein Leid, aus dem ich mir ein Brautkleid spann, noch bevor ich es verstand.
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  • Julia Lückl – Pistaziengrün und Himbeerrosa

    Sie hatte das Buch auf ihren Schoß gelegt und hielt das Gesicht in die Sonne, lehnte sich gegen seine Schulter. So wie früher. Sein Pullover kratzte ein wenig an ihrer Wange, aber sie blieb, wo sie war.
    „Hast du morgen noch frei?“, fragte sie und sah zu ihm hinauf. Seine Haare waren länger als normalerweise, er hatte nicht daran gedacht, sie schneiden zu lassen.
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  • Ylva Schwingshandl – Weg

    Hals über Kopf liege ich auf den Klippen. Unter mir rauscht das Meer. Es atmet. Mit mir im Einklang. Die Sonne fällt aus dem Meer in den blauen Himmel hinein. Das Wasser fällt auf meinen Körper.
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  • Helene Rauch – Verkehrte Welt

    Er hing verkehrt im Kirschbaum und fühlte sich normal. Weil er jeden Tag kopfüber am Ast hing. Weil die Welt ihm dann logischer erschien. Weil er die Wolken so viel besser beobachten konnte, die sich langsam veränderten und ihm eine Geschichte erzählten. Das tat er immer. Die Wolken beobachten.
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  • Hannah Oppolzer – Es ist okay

    Ich bin in den Park gegangen, nur für einen kurzen Spaziergang, um die letzte Herbstsonne zu genießen, als ich den grauhaarigen Mann vor mir sehe und stehen bleibe. „Warte!“

    Er dreht sich um und sein Blick ist neugierig, während er mich mustert. „Ja?“

    Ich schweige. „Erkennst du mich denn nicht?“

    Als er nichts erwidert, senke ich den Kopf. Ich hätte es wissen müssen. 
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragt er. (mehr …)

  • Slavica Rajic – freier fall

    du fällst

     

    und danach?

     

    du stehst auf und die Welt ist dir zur Gewohnheit geworden

    hast es aufgegeben

    und du fragst dich, was das alles soll

    und du fragst dich, was das alles hätte werden sollen

    und die Frage nach dem, was das alles werden soll, hast du aufgegeben
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  • Marvin Solms – L E Y L A

          Mein Name ist Leyla und ich bin siebzehn Jahre alt.

          Mir ist schwindelig.

    Eine, zwei, drei, vier schemenhafte Gestalten sitzen im Dunkeln. Auf einer Treppe. Schallendes Gelächter dringt zu mir und klingt, als säße ich hinter einer dicken Glaswand, im nächsten Raum. Aber nein. Ich liege auf den Stufen, direkt vor ihnen; ich liege auf dem Rücken und betrachte mit leeren Gedanken die Sterne, die sich bewegen, wie in einem Planetarium, aber viel zu schnell. Ein Lichtschimmer von rechts blendet mich, kommt näher und entfernt sich wieder, begleitet von einem vertrauten Geräusch, das ich nicht benennen kann…brmm.
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  • Iris Adelt – (K)ein Text über Liebe

    Das ist kein Text über Liebe. Kein Text, der davon handelt, was es heißt zu wissen, was man will. Ein Gefühl der Sicherheit zu verspüren, ohne es davor gekannt zu haben. Ich möchte nicht, dass es wieder nur um die eine Sache geht, die Liebe. Euch nicht mit der Hilfe von Worten erklären, was das eigentlich bedeutet. Ich könnte euch alle Facetten auflisten, euch jedes Gesicht, das die Liebe hat, zeigen. Aber ich möchte nicht, denn ich schreibe nicht über die Liebe. Das ist kein Text darüber. Keiner, an den ihr euch festhalten könnt, der euch euer Gefühlsleben in Worte fasst. Kein Text, den man lesen will um endlich zu wissen, was man empfindet. Nein, so ein Text ist das bestimmt nicht. (mehr …)


  • Julia Lückl – Weißt du noch?

    Weißt du noch, wie es ist, auf der Schaukel zu sitzen? Du wippst ganz leicht und schreist höher, höher! Und dann kommen sie. Sie tauchen dich an, bis in die Wolken und du fliegst, weil du glaubst, dass du fliegst und was die anderen denken ist nicht wichtig, weil du fliegst. Du bekommst Flügel, nein, die Schaukel bekommt sie und du vergisst, alles, alle. Weil du fliegst. Mit der Schaukel. In deine Träume. Weißt du noch?

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  • Petrus Malkasten

    Dorothea Newerkla: Petrus‘ Malkasten

    „Es wird bald dunkel, aber noch bahnen sich die letzten Strahlen der Abendsonne ihren Weg zu mir, da Petrus die letzten Sonnenstrahlen eben erst ausgelöscht hat. Ich habe dank Dir viel Erfahrung mit in den Himmel Schauen und weiß, dass da oben bald die gleiche Farbe sein wird, wie an Deinem Regenschirm und an dem Stein vor mir.

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  • Julia Lückl: Nur in meinem Kopf

    Die Knopfaugen des alten Teddybären sind das erste, das ich morgens sehe. Vom Fenster aus fällt Licht in mein Zimmer und der Parkettboden unter meinen Füßen ist noch kalt, als ich zu meinem Fenster gehe und die Vorhänge zur Seite ziehe. Draußen regnet es. Ich halte meine Hand aus dem Fenster, sehe den Regen, spüre ihn jetzt, höre ihn nicht. So bleibe ich ein paar Momente. Die Tropfen fallen auf meine Hand, rinnen meine Finger hinunter und tropfen von den Fingerkuppen auf die Terrasse. Dann ziehe ich sie wieder zurück ins Zimmer, trockne sie an den Vorhängen ab. (mehr …)

  • Antigone Illustration
    Ivo Lederer: Antigone

    Eine Gestalt tritt aus dem Schloss heraus,
    Dort liegt bewacht von grimmigen Wachen,
    Ihr Bruder, und sie ist darauf aus,
    Sich an dem Toten zu schaffen zu machen.
    ,,Nicht einmal Kreon kann es mir verbieten’’,
    So denkt sie und geht mutig hin,
    ,,Um dem die letzte Ehre zu erbieten,
    Das Gesetz der Götter stell ich über ihn!’’

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  • Marlies Humpelstetter: Rosa Elefanten

    Denk nicht an rosa Elefanten!, hatte Jakob gesagt und das war das erste Mal gewesen, dass sie sich in ihren Kopf gedrängt hatten, mit riesigen Füßen alle anderen Gedanken niedergetrampelt und mit gartenschlauchlangen Rüsseln trompetet hatten.

    
Du denkst gerade an rosa Elefanten, stimmt’s?
     
    Nein, hatte sie gesagt und Jakob hatte gelacht.
     
    Lügnerin!

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  • Dorothea Newerkla: Marmeladenglasmomente

    Ich spüre das kühle Metall und umklammere den Schlüssel heftiger, obwohl sich seine Zähne bereits schmerzhaft tief in meine linke Handfläche bohren. Mit der rechten Hand greife ich nach der Klinke der schweren Tür und ziehe sie hinter mir zu. Ich triumphiere. Diesen Raum durchqueren noch, und ich bin dort. (mehr …)

  • Dorothea Newerkla: Die Lebensspanne einer Eintagsfliege

    Wenn ich Eintagsfliegen bemerke, erkenne ich, wie einsam Unendlichkeit ist. Ich sehe jedoch auch, wie lebendig ihr alle seid, denn um zu leben müsst ihr sterblich sein. Ihr seid sterblich und irrt euch, schlagt den falschen Weg ein und ich sehe euch scheitern und fallen und bin dennoch fasziniert von den Zielen, die zu erreichen ihr gegen jede Vernunft erträumt habt. Ich bin unendlich und allmächtig, doch um träumen zu können wie ihr, dürfte ich nicht allwissend sein. (mehr …)